Mit Flirtratgebern ist es wie mit Religionen und Gläubigen: Alle glauben an bzw. berufen sich auf eine höhere Macht, und doch glaubt im Detail jeder etwas Anderes. Wenn man die Flirtliteratur sichtet, stößt man vor allem auf drei bestimmte Religionen: 1. Werde ein Alpha-Wolf bzw. das, was die Frauen sich wünschen; 2. Manipuliere und belüge die Frauen, um sie herumzukriegen; 3. Nähere dich einem allgemeinen Ideal von Mann an (angesehener Job, viel Geld, fitter Körper usw.). Phillip von Senftleben verbindet Elemente all dieser Religionen zu einer Einheitsreligion, die nicht unbedingt innovativ ist, sich dafür aber an einer Art klassischem Gentleman mit moderner Prägung orientiert, was angesichts des gegenwärtigen zwischenmenschlichen Sittenverfalls erfrischend wirkt.
Von Senftlebens Ausführungen sind sprachlich hochwertig (wenn auch manchmal arg übertrieben) und größtenteils psychologisch fundiert. Insbesondere das, was er über Selbstliebe, Selbstironie, Höflichkeit, Charme und Unaufdringlichkeit schreibt, könnte man 1:1 übernehmen, wollte man eine allgemeine Anleitung zum Führen eines besseren Lebens verfassen. In derart wichtigen Punkten können sich die meisten Männer noch verbessern; diese können in von Senftlebens Buch zahlreiche allgemeine Erläuterungen und konkrete Beispiele finden, die ihnen dabei helfen werden.
Jetzt kommt jedoch das große Aber (und die Begründung dafür, warum es nur zu drei Sternen reicht): Wer sich genauer mit von Senftlebens Hintergrund und seinen Flirtmethoden beschäftigt, wird zwei Probleme erkennen (zumindest empfinde ich sie als solche): Glaubwürdigkeit und Beliebigkeit.
Bekannt geworden ist von Senftleben durch äußerst unterhaltsame Radiobeiträge, in denen er Frauen an ihren Arbeitsplätzen angerufen hat mit der Absicht, ihnen ihre Privatnummern zu entlocken. Seine Erfolgsquote war bzw. ist ziemlich hoch, doch mit der Zeit registriert man das System dahinter: Ein vorher zurechtgelegtes Anliegen, für das die Frau nicht zuständig ist bzw. ein ausgeklügelter Kundenwunsch, den die Frau nicht erfüllen kann, nutzt von Senftleben, um ein privates Gespräch zu starten, mit dem er die Frau irritiert und zum Lachen bringt und in dem er (vermeintliche) Gemeinsamkeiten zur Sprache bringt. Ähnlich verfährt von Senftleben auch in direkten Aufeinandertreffen mit Frauen - zumindest rät er seinen Lesern zu einem in solchen Situationen ähnlichen Verhalten. Letztlich verkommt diese Masche damit zur puren Manipulation, die so gar nicht zu der Wahrhaftigkeit und Liebenswürdigkeit passen will, die von Senftleben ansonsten auszuzeichnen scheinen. Jede Flirttechnik beinhaltet zwar ein gewisses Maß an Manipulation, aber im Vergleich zur propagierten Höflichkeit, Unaufdringlichkeit usw. wirkt es nicht stimmig, wenn von Senftleben die Frauen als Flirtopfer bezeichnet oder seinen Lesern rät, sich fürs Flirttraining eine bestimmte Rolle (z. B. Arzt) zurechtzulegen. Hilfreicher wäre es gewesen, die unausgesprochen gebliebenen Hinweise zu vermitteln, die vielen Männern eher helfen würden: Nicht jeder Kontakt mit einer Frau muss bzw. sollte darauf abzielen, die Frau für eine sexuelle Beziehung zu gewinnen. Zahlreiche Kontakte sind hilfreich und die meisten Freundschaften beständig genug, um über diese wiederum neue Menschen kennenzulernen. Ein großer Bekanntenkreis hilft bekanntlich (im wahrsten Sinne des Wortes) dabei, einen Beziehungspartner zu finden, und die gesündesten Beziehungen sind oftmals diejenigen, die aus einem langjährigen Kontakt heraus entstehen. Von Senftleben vermittelt jedoch den Eindruck, als könne man mit seiner Methode jede beliebige fremde Frau um den Finger wickeln und dabei alle Hindernisse (z. B. unterschiedliche Schichten und Freundeskreise) ohne Probleme überwinden. Deswegen gibt es einen Punkt Abzug für die aus alledem resultierende mangelnde Glaubwürdigkeit - zumal manche der Flirtsprüche, die von Senftleben zitiert, nicht aufrichtig wirken, sondern eher wie aus einem kitschigen Groschenroman stammend (zwar rät von Senftleben zu einer zurückhaltenden Verwendung der eigenen Stärken, bei seinen bisweilen unerträglich schleimigen und konstruierten Flirtsprüchen übertreibt er jedoch regelmäßig).
Leider rät von Senftleben seinen Lesern - wie die Autoren diverser anderer Flirtratgeber - zu einem in gewisser Weise beliebigen Vorgehen, was ich zumindest als fragwürdig empfinde. Wer im Rahmen seines Flirttrainings 20x am Tag mit jemandem flirte, könne daraus mindestens zwei weitergehende Kontakte (Telefonnummer bekommen bzw. Verabredung) entstehen lassen. Man stelle sich nun vor, wir würden uns tatsächlich in solche Dauerflirtmaschinen verwandeln: Was wäre die Folge? Unsere Auswahl wäre beliebig; wahrscheinlich würden wir dabei der zufällig getroffenen Richtigen zu wenig Zeit und Aufmerksamkeit widmen oder würden in ihren Augen nicht aufrichtig wirken (immerhin beflirten wir jede Frau so wie sie) - falls wir sie mit dieser Methode nicht ohnehin schon verpasst oder vergrault hätten. Ich hielte es - auch aufgrund der neuesten Erkenntnisse aus der Paarforschung - für klüger, die eigenen Flirtressourcen für lohnendere Ziele zu verwenden (Personen mit gleicher Schichtzugehörigkeit oder mit zu erwartenden ähnlichen Interessen; dazu Menschen, mit denen man ohnehin zwangsweise Zeit verbringt, z. B. bei der Arbeit oder im Rahmen von gemeinschaftlich organisierten Freizeitaktivitäten). In jedem Fall wäre ein solches Vorgehen authentischer und erhabener, als zwanghaft jede attraktive Kassiererin oder Arzthelferin mit dem ewig gleichen Geschleime zu belästigen. Zwar behauptet von Senftleben, er würde nur bei Erreichen eines bestimmten Liebesgrades mit einer Frau schlafen, doch es klingt eher so, als würde er sich ziemlich schnell verlieben - oder er möchte sich diverse Frauen zur gleichen Zeit warmhalten. Diese Form von Beliebigkeit kann den Unterschied ausmachen zwischen dem modernen Gentleman, zu dem von Senftleben uns erziehen will, und dem manipulativen, egoistischen Strahlemann, der letztlich doch nur seine eigenen Bedürfnisse befriedigen will. Aufgrund der empfohlenen Beliebigkeit im Vorgehen gibt es demnach einen weiteren Punkt Abzug.
Fazit: ,Das Geheimnis des perfekten Flirts` ist eins der besseren Bücher im Bereich der Flirtratgeber, zumal es sich stilistisch und teilweise auch thematisch von der Konkurrenz abhebt. Leider versäumt von Senftleben es in seiner Selbstliebe (Selbstverliebtheit?), eine kritische Distanz zu der von ihm verkörperten und gelebten Flirtmethode zu wahren und über seine eigenen Handlungen kritisch zu reflektieren (bloß zu wissen und zu zeigen, warum man mit welchem Gesprächsinhalt was beim Gesprächspartner erreicht, zähle ich nicht dazu). Niemand verlangt, dass ein Flirtbuch wissenschaftlich ausgerichtet ist, aber für manche Leser macht es z. B. einen Unterschied, ob man in jedem Menschen das Besondere sehen soll (so von Senftleben) oder ob man versuchen muss, die besonderen Menschen zu sehen (meine Ansicht). Nichtsdestotrotz ist von Senftlebens Buch momentan die sinnvollste (und zudem unterhaltsamste) Lektüre, wenn man(n) beabsichtigt, beim anderen Geschlecht in Zukunft ein wenig erfolgreicher zu sein.