So oberflächlich, wie meine Vor-Rezensenten dieses Buch einordnen, finde ich es gar nicht. Die 32-jährige Zeynep reist mit ihren Eltern in die Türkei, weil ihre Großmutter Fatma krank ist und sich wahrscheinlich nicht mehr erholen wird. Zeynep ist in Deutschland geboren, kennt ihre Großmutter nur von wenigen Besuchen in der Türkei und einigen Telefonaten und hat zunächst Bedenken, ob sie mit ihr überhaupt reden kann. Doch wider Erwarten geht das ganz gut, die Großmutter spricht sie unbefangen an, und die beiden kommen sich recht nah.
Da erfährt Zeynep von einem dunklen Familiengeheimnis - jedoch durch eine andere Person - in dem die Großmutter eine unrühmliche Rolle gespielt hat. Über dieses heikle Thema kann die ganze Familie bis heute nicht offen reden, auch Enkelin und Großmutter gelingt dies nicht, trotz der neu gewonnenen Nähe. Die Großmutter wird ohnehin von Tag zu Tag weniger, der Tod nähert sich. Zeynep bleibt bei ihr bis zum Schluss, sie hat zur Zeit keine Arbeit und kann sich eine längere Auszeit erlauben, während ihre Eltern nach drei Wochen wieder nach Deutschland abgereist sind. Doch obwohl sich Enkelin und Großmutter in wenigen Wochen näher gekommen sind, als in den Jahren zuvor, bleibt letztlich jede mit ihrem Schmerz alleine, auch der Rest der Familie, durch den ein Riss geht: Zeyneps Eltern leben in Deutschland, ihr Onkel und dessen Nachkommen in der Türkei. Das dunkle Familienkapitel steht weiterhin ungelöst zwischen ihnen. Dennoch kann Zeynep einiges aus dieser Geschichte für sich mitnehmen. Sie hat die Augen geöffnet bekommen und weiß jetzt eher, was sie will in Bezug auf Männer, Beruf und Familie.
Zum Schreibstil: Das Buch liest sich sehr leicht, der Stil ist journalistisch knapp und treffend, zielgerichtet, ohne Satzbandwürmer oder Abschweifungen. Dass wenig Adjektive vorkommen, ist übrigens ein Zeichen von gutem Schreibstil, denn Adjektive "spreizen, blähen und verwischen, sie provozieren Doppeldeutigkeit und Widersinn ..." (Wolf Schneider
Deutsch für Kenner: Die neue Stilkunde).