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Der deutsche Titel "Das Geheimnis des 5. Evangeliums" erweckt den Eindruck, dass das Buch (neben den 4 Kanonikern) lediglich ein weiteres Evangelium (von griechisch eu angelium= frohe Botschaft) zum Gegenstand hat. Sein Untertitel "Warum die Bibel nur die halbe Wahrheit sagt" kann, obwohl er irritierend und provokant wirkt, den Inhalt schon eher präzisieren. Weniger reißerisch, dafür treffender ist der Originaltitel "Beyond Belief - The Secret Gospel of Thomas", denn Elaine Pagels stellt in ihrem Buch die dogmatische Entwicklung der frühchristlichen Kirche bis zum Glaubensbekenntnis von Nicäa, den persönlichen Glaubenserfahrungen, für die auch das Thomasevangelium (EvThom) ein Synonym uns Quelle sein kann, gegenüber.
In fünf Kapiteln geht Pagels den Fragen nach, wann und warum christliche Schriften übergangen, unterdrückt, verworfen und sogar vernichtet wurden. Das 1. Kapitel "Vom frühchristlichen Liebesmahl zum Glaubensbekenntnis von Nicäa" gibt zunächst einen Überblick. Nach Jesus Tod nahm ein Teil seiner Anhänger eine Anleihe bei der religiösen Tradition und behauptete, Jesus sei als Opfer gestorben, analog den im Tempel dargebrachten Opfertieren. Es gab sehr unterschiedliche Auffassungen hinsichtlich der Eucharistie. Der antiken Kultpraxis, die an (wie auch in anderen Religionen, wie Dionysoskult und Mithrasreligion) Mysterien eines symbolisch geübten Kannibalismus anknüpfte, stand die rituelle Speisevorschrift der "Kaschrut" (Verbot des - auch symbolischen - Genusses von Blut) entgegen. "Evangelien im Widerstreit: Johannes und Thomas" lautet das 2 Kapitel, in dem zunächst die Unterschiede zwischen den drei synoptischen Evangelien und dem Johannesevangelium (JohEv) dargestellt werden. Während die drei Synoptiker von einem singulären Seinsstatus Jesu als erhöhter Mensch (Rabbi, Messias, Sohn Gottes, Menschensohn etc.) ausgehen, erklärte alleine das JohEv Jesus zur Manifestation Gottes in Menschengestalt und vertrat damit eine damals heterodoxe Auffassung! Anders als die Evangelien des Markus, Matthäus und Lukas hat das JohEv jedoch eine Gemeinsamkeit mit dem etwa zur gleichen Zeit (um 100 n. Chr.) verfassten apokryphen Thomasevangelium (EvThom). Beide besitzen den höchsten Grad an Spiritualität und erheben den Anspruch, über die drei Synoptiker hinauszugehen, da sie behaupten, "Geheimwissen" zu enthüllen, welches Jesus nur seinen Jüngern offenbart habe. Während das EvThom die Fragen nach Handlungsweisen nicht mit Instruktionen, sondern in einer Weise, die an die Koans des Zen-Buddhismus (die Fähigkeit die Wahrheit zu entdecken, trägt jeder in sich selbst.) erinnert, beantwortet, legt das JohEv fest, dass man nur durch den Glauben an Jesus Gotterkenntnis und Ewiges Leben erlangen kann. Der Kernaussage des EvThom, nach der alle Menschen Jesu gleich sind oder werden können, setzt das JohEv die Einzigartigkeit Jesu, als einzigen Sohn Gottes (monogenes), "der nicht wie du und ich ist" entgegen. Das JohEv wurde eigens dazu geschrieben, den Apostel Thomas als ungläubig zu diskreditieren und das nach ihm benannte Evangelium zu desavouieren. Drittes Kapitel "Wort Gottes oder Menschenwort" und viertes Kapitel "Der Kanon der Wahrheit und der Sieg des Johannes" beschäftigen sich mit Verfolgung und Zersplitterung der christlichen Gemeinden im späten 2. Jahrhundert, als sich Irenäus von Lyon auf das bis heute gültige viergestaltige Evangelium festlegte und andere Visionen und Offenbarungen als häretisch verwarf. Die Aufnahme des JohEv in den Kanon des Neuen Testaments (NT), bei gleichzeitiger Verwerfung des ThomEv und anderer gnostischer Schriften (EvMaria Magdalena, EvPhilippus usw.), sollte die Formung und Einschränkung des heutigen abendländischen Christentums bewirken. Das 5. Kapitel "Kaiser Konstantin und die Geburt der katholischen Kirche" befasst sich mit dem Konzil von Nicäa (325), bei dem die Wesensgleichheit Jesu mit Gott (homousios) zum Dogma erhoben und das noch heute gültige Credo für eine weltweite, allgemeine und rechtgläubige (=katholische) Kirche verfasst wurde. Im Jahre 367 kanonisierte Athanasius mit seiner "Epistula festalis" dann 22 Bücher des AT und 27 Schriften des NT zur "Quelle des Heils". Gleichzeitig stellte er die bis heute gültige, alternativlose (orthodoxe) Schriftexegese sicher, die sich nur der "dianoia" (Vermögen den intendierten Sinn des Textes zu erkennen) bedienen darf. "Epinoia" (spirituelle Intuition) lehnte er als auf subjektiven Denken beruhende, und damit trügerische menschliche Veranlagung ab, da sie nur häretische Irrtümer hervorbringe.....
Das mit einem 26-seitigen Quellenverzeichnis, Personenregister, dem kompletten Text des EvThom und Auszügen anderer gnostischer Schriften aus dem 1945 entdeckten Nag Hamadi Kodex versehene Sachbuch ist mit 5 Amazonsternen zu bewerten. Es kann allen Lesern empfohlen werden, die den Forderungen zu dogmatischen Bekenntnissen nicht nachkommen, sondern eigene spirituelle Wege beschreiten wollen.
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