Das Cover des 432 Seiten starken Taschenbuchs ist in einem dezenten beige gehalten. Während im Hintergrund die Schemen einer Stadt zu erkennen sind, hebt sich im Vordergrund die Gestalt einer jungen Frau ab, die, auf der Straße kniend, eine Schüssel in der Hand hält.
In Ursula Neebs Roman, der im Jahre 1509 in Frankfurt spielt, geht es um die 22-jährige Totenwäscherin Katharina Bacher. Die undankbare Aufgabe, Tote für ihr Begräbnis herzurichten, führt sie eines Tages zu der Leiche der jungen Hübscherin Hildegard Dey. Für die Obrigkeit steht sofort fest, dass die Frau aus dem Hurenhaus ertrunken ist. Katharina jedoch erkennt, dass es sich hier keineswegs um einen Unfall, sondern um Mord handelt, denn die Würgemale am Hals der jungen Frau und der Stofffetzen, den ihre Hand umschließt, sprechen eine eindeutige Sprache.
Als kurz darauf der Totengräber Heinrich Sahl, Katharinas Vater, in der Nacht von Allerseelen eine merkwürdige Gruppe vermummter Gestalten beobachtet, die seltsame Rituale vollziehen, ist er verwirrt, flüchtet in sein Haus und beschließt, das Vorkommen besser zu verschweigen. Als er jedoch am nächsten Morgen im Beinhaus die Leiche einer jungen Frau entdeckt, kann er nicht länger schweigen und berichtet dem Pfarrer von seinem Fund. Ein paar Ratsherren und der herbeigerufene Arzt stellen fest, dass die junge Frau aufgrund eines Schnittes durch die Halsschlagader ausgeblutet ist. Als die Ratsherren noch überlegen, welcher Untersuchungsrichter sich mit dem Fall beschäftigen soll, stellt der Pfarrer klar, dass es sich in diesem Fall um eine Kirchensache handelt, weil die Mordtat das Werk von Teufelsanbetern ist und der Kirchhof als heiliger Ort durch dieses Bluttat geschändet wurde.
Der mit dem Fall beauftragte Inquisitor ist sofort davon überzeugt, dass der Totengräber Heinrich Sahl selbst ein Mitglied dieser Teufelsanbeter ist und somit auch für den Tod der jungen Frau verantwortlich. Dem Inquisitor, der für seine expliziten Foltermethoden bekannt ist, gelingt es auch sehr schnell, ein Geständnis des Totengräbers zu bekommen. Dabei ist es unerheblich, ob ein Mensch unter unerträglichen Schmerzen alles gestehen würde oder nicht.
Katharina, die von der Unschuld ihres Vaters überzeugt ist, versucht alles in ihrer Macht stehende, um ihren Vater vor der bevorstehenden Hinrichtung zu retten und gerät dabei immer Tiefer in den Sog einer Bruderschaft, die Meister Tod" verehrt.
Der historische Roman ist eine Mischung aus einem Krimi und einer Liebesgeschichte. Dieser Spagat ist der Autorin recht gut gelungen. Ursula Neeb beschreibt ihre Figuren sehr authentisch und genau das ließ mich mir ihnen leiden oder freuen. Die Stellung der Frau wird in diesem Roman sehr deutlich hervorgehoben. In der damaligen Zeit waren die Frauen nichts wert und wurden, wie auch hier im Buch beschrieben, auf eine Stufe mit einem Tier gestellt. Dafür ist mir Katharinas Courage stellenweise etwas zu übermächtig, was schon ein wenig unglaubwürdig herüber kommt.
Die Folterungen werden sehr detailliert beschrieben und sind bestimmt nichts für schwache Nerven. Trotzdem kamen sie mir nicht überzogen vor, denn ich denke, es ging damals wirklich so grausam zu. Diesbezüglich hat Ursula Neeb absolut kein Erbarmen gezeigt und ebenso wenig, wenn es darum geht, der Protagonistin ihren Weg zur wahren Liebe zu ebnen. Papier ist geduldig und anders als im richtigen Leben, kann man es in Romanen so glatt bügeln, wie man es haben möchte.
Gefallen hat mir die wechselnde Sicht der Erzählweise. Die Ausführungen von König Tod und die Aufzeichnungen von einem jungen Mönch, der in den Sog der Sekte gerät, sind sehr interessant beschrieben und geben auch entscheidende Hinweise zu den einzelnen Mordfällen. Für den Leser ist es durchaus möglich, die Verknüpfungen herzustellen, bevor die Autorin alles auflöst - es ist aber zugegebener Maßen nicht gerade einfach.
Das Geheimnis der Totenmagd" ist ein Roman mit einigen Schwächen, über die man aber hinwegsehen kann. Das Glossar am Ende des Buches ist sehr hilfreich, denn leider gibt es immer noch historische Romane, in denen ein Glossar fehlt. Da gibt es also nichts zu meckern. Ich vergebe hier gute vier Sterne und spreche meine Empfehlung aus.