Wilkie Collins war neben Charles Dickens einer der erfolgreichsten Romanciers des viktorinanischen Englands. Seinen Ruhm begründete vor allem ein Werk: Der 1860er Roman
Die Frau in Weiß. Kein Wunder, dass Collins' Grabstein ihn als Autor eben jenes Meisterwerkes ausweist.
Dickens' Weggefährte hatte ein ganz eigenes Verfahren entwickelt, die Handlung voranzutreiben: Er ließ (wie auch im späteren Roman
Der Monddiamant) verschiedene Personen aus der Ich-Perspektive ihre Sichtweise zu Kriminalfall oder Geheimnis kundtun, erschuf gewissermaßen ein literarisches Puzzle. Im vorliegenden Roman von 1854 tat er dies noch nicht, vielmehr begleitet er hier als allwissender Erzähler die handelnden Personen, doch auch dieser Ansatz ist sehr angenehm - und teils höchst vergnüglich zu lesen.
Die Geschichte beginnt mit dem nahenden Tode einer Lady: Sie lässt, zu schwach es selbst zu tun, ihre Zofe ihr Lebensgeheimnis niederschreiben, damit diese es später dem trauernden Manne übergeben könne. Die Zofe ist entsetzt und will ihre Herrin überreden, das unselige Geheimnis mit ins Grabe zu nehmen. Doch die Dame ist nicht für ihre Einsichtsfähigkeit bekannt und nimmt der zitternden Zofe (unter Drohungen, sie bei Zuwiderhandlung als Geist heimzusuchen) den Schwur ab, das Dokument weder zu vernichten, noch aus dem Herrenhaus zu entfernen. Als sie auch noch den Schwur verlagen will, das Geschriebene auch wirklich dem Manne zu geben, schneidet ihr der Sensenmann das letzte Wort ab.
Die Zofe versteckt das Dokument in einem verfallenen Flügel des Herrenhauses und flüchtet in heller Aufregung.
Jahre später ist die Tochter der verstorbenen Lady selbst zu einer Dame herangereift, heiratet einen Blinden und will nach langer Zeit der Abwesenheit - schwanger - wieder in das Haus ihrer Kindheit - Porthgenna Tower - zurückkehren. Unterwegs bekommt sie aber die Wehen und muss in einem kleinen Gasthaus mitten in Corwall bleiben, bis das Baby zur Welt gebracht ist und die Kindbettwochen überstanden sind. Gepflegt wird sie dabei von einer offenbar verschüchterten Fremden - die sich überaus merkwürdig verhält, und ihr auf unheimliche Weise zu nahe kommt. Voller Angst schlägt sie Alarm und lässt die Fremde hinauswerfen - allerdings nicht ohne schlechtes Gewissen und verwirrende Empfindungen in ihrer Brust.
Als sie später in Porthgenna Tower anlangen, erzählt ihnen das Personal von höchst befremdlichen Vorgängen: Eine verstörte Frau hätte Einlass erbeten - und wäre in den verfallenen Flügel des Hauses gestürmt, wo sie allerdings zusammenbrach ohne Schaden anrichten zu können.
Voller Neugier begeben sich die neue Herrin von Porthgenna Tower und ihr Blinder Mann auf Spurensuche und kommen auf die Fährte des erschütternden Geheimnissen, dass ihnen buchstäblich den Boden unter den Füßen wegreißt...
Ich wage einmal die Voraussage, dass nahezu niemand vorherzusehen vermag, wie sich die Geschichte auflösen wird. Collins erweist sich einmal mehr als ein Meister der Verschleierung und des Versteckens, als geborener Geheimniskrämer. Zwischenzeitlich ist seinem Roman allerdings anzumerken, dass er den Zenith seines Könnens noch nicht erreicht hat: Es zieht sich bisweilen ein wenig. Daher auch der Punktabzug...
Dennoch: Wer geheimnisvolle Schmöker englischer Schule mag - etwa
Rebecca,
Die dreizehnte Geschichte oder eben das oben genannte Meisterwerk von Wilkie Collins, dem sei dieses Buch herzlich anempfohlen. Leider ist es nur noch antiquarisch zu bekommen, dennoch: es lohnt sich!
Entgegen meiner ersten Einschätzung ist übrigens die Übersetzung sehr gelungen. Ich habe absolut nichts zu beanstanden.