Marie Roget verlässt an einem Sonntagmorgen das elterliche Hotel, um eine Tante zu besuchen, kommt aber nie an. Stattdessen wird eine Leiche entdeckt, die man für die Maries hält ... Hier kommt Auguste Dupin zum Einsatz- er ermittelt- und stellt anhand seiner analytischen deduktiven Denkweise brillante Schlussfolgerungen an.
Immer wieder nimmt Dupin und der "Ich-Erzähler", der zwischen Dupin und dem Leser vermittelt, Äußerungen der damaligen Journaille aufs Korn und führt diesse ad absurdum. So erfährt der "geneigte" Leser einiges über die Verdrängung von Wasser und welche Faktoren dazu führen, eine Leiche nach einem bestimmten Zeitraum wieder an die Wasseroberfläche auftreiben zu lassen. Letztendlich eine Kurzgeschichte der besonderen Art, in der bezugnehmend auf Äußerungen in dem Fall Roget, alles bislang Veröffentlichte im Etoile, als auch das Ermittelte, von Dupin auseinandergenommen wird.
Hiermit liegt nach "Der Doppelmord in der Rue Morgue" (1841) der 2. Fall, den Poe 1842 verfasste, vor. Mit Dupin kreierte er einen genialen Ermittler, der Vorbild für Conan Doyles "Sherlock Holmes" ist und zugleich den "Vater der Detektiv-Geschichte". Poe prägte den Begriff Detektiv, der vorher nicht in der englischen Sprache keine Verwendung hatte. Er brilliert auch in einem dritten Fall "Der entwendete Brief"(1844).
Fasziniert hat mich:
1. der von Poe geprägte Begriff "Ratiocination", auf den ich erstmals in Horowitz Sherlock Holmes Nachfolger "Das Geheimnis des weißen Bandes" stieß. Es geht darum, dass Dupin seinen beträchtlichen Intellekt mit seiner Vorstellungskraft kombiniert & sich in den Gedankengang des Kriminellen hineinversetzt. So kommt er dank seiner analyt.-deduktiven Vorgehensweise zu den verblüffendsten Schlussfolgerungen.
2. dass dem Fall ein WAHRES Gegenstück zugrunde liegt: der Fall der Mary Rogers, einer Zigarren-Verkäuferin in Manhattan. Sie wurde ein Jahr vor Poes Werk, tot im Hudson River treibend, aufgefunden.
3. der kritische Umgang mit den Medien, die zur Wahrheit stilisieren, was aus Sensationslust "genehm scheint" und hohe Auflagen verspricht. Dabei gerät die Suche nach der "tatsächlichen" Wahrheit ins Hintertreffen. Die Medien kreieren also Sensationen und die Wahrheitssuche bleibt auf der Strecke!
Fazit: ich war fasziniert von der Schreibweise: schwer verständlich durch Parenthesen und verwinkelte analytische Gedankengänge, erfordert Poe die volle Aufmerksamkeit und absolute Konzentration. Genial die Idee einen aktuellen "realen" Fall in New York als Vorlage zu nehmen, 1:1 auf Paris zu übertragen und das Vorgehen der Presse zu zitieren und "auseinanderzunehmen"!
UND: alle 3 Fälle gibt es umsonst fürs Kindle:)
Ich hab mir alle + "Das verräterische Herz" und "Die Grube & das Pendel"(hab ich als Teenie mit K. Dor und L. Barker gesehen & geliebt) runtergeladen und freue mich schon auf Dupins ersten Fall.
Tipp: mit 1 beginnen, denn in 2 wird ab & zu Bezug darauf genommen