1167 in Franken
Mach schon, prügle sie, bis sie Gehorsam gelernt hat«, forderte Ludolf
wutschnaubend seinen älteren Begleiter auf. Oswald, der Anführer der schwer
bewaffneten Knechte von der Burg, hatte bereits die rechte Faust geballt.
Doch noch musterte er eher mit Staunen und grimmiger Belustigung das
zierliche Mädchen mit dem kastanienbraunen Zopf, das vor ihm stand.
Noch nie hatte es jemand gewagt, sich ihnen zu widersetzen - und schon gar
kein Weibsbild. Die hier war ja außerdem noch fast ein Kind und reichte ihm
nicht einmal bis an die Schulter. Er hätte ihr mit einem einzigen Hieb
seiner mächtigen Faust das Kinn zerschmettern oder die Nase zertrümmern
können. Nur würde er damit seinem Herrn schlecht dienen. Der brauchte das
aufsässige Weibsstück unversehrt - vorerst. Marthe, um die sich der ganze
Ärger drehte, war so verzweifelt, dass sie vollkommen vergaß, wie
gefährlich es war, sich mit den zwei im ganzen Dorf gefürchteten Raufbolden
anzulegen. »Seht ihr nicht, dass sie stirbt? Ich kann jetzt nicht weg«,
rief sie außer sich und wandte sich ab, um in der Kate wieder nach der
todkranken Serafine zu sehen, ihrer Ziehmutter und weisen Frau des Dorfes.
Nun flammte auch in Oswald Zorn auf. Wenn dieses dreiste Ding meinem Herrn
erst einmal gedient hat, werde ich ihr schon Gehorsam beibringen, dachte er
wütend. Einen köstlichen Moment lang stellte er sich vor, wie sie wimmernd
vor ihm auf dem Boden lag und um Gnade bettelte.
Er packte Marthe grob am Arm, zerrte sie aus der winzigen Hütte am Waldrand
und brüllte: »Du kommst jetzt mit, du kleine Hexe, oder du kriegst die
Peitsche zu spüren! Wenn die Alte nicht kann, musst du eben dem Erben des
Burgherrn auf die Welt helfen.«
Oswald, dessen linke Gesichtshälfte von einer schlecht verheilten Narbe
entstellt war, saß auf, zerrte das Mädchen unsanft vor sich aufs Pferd und
ritt scharf an. »Mutter Fine!«, schrie Marthe Hilfe suchend und wollte sich
noch einmal umdrehen. Doch Oswald hielt sie fest umklammert und trieb sein
Pferd Richtung Burg. Sie ritten rasch durch den kalten, regnerischen
Märzmorgen. Ludolf, stämmig und mit strähnigem hellen Haar, hatte noch
Marthes Korb mit Salben und Tinkturen geholt und folgte nun dicht hinter
ihnen.
Marthe fror. Ihr Körper schmerzte von den Kanten des hölzernen Sattels und
vom groben Griff des dunkelhaarigen Reiters, der nach Bier, Zwiebeln und
Schweiß roch. Bald ließ Oswald seine rechte Hand über ihren filzigen Umhang
wandern. Das Mädchen erstarrte vor Schreck. In ihrer Angst zog sie das
Pferd so heftig an der Mähne, dass es scheute und Oswald beide Hände
brauchte, um es wieder unter Kontrolle zu bringen.
Hastig drehte sie sich zu ihm um. »Können wir nicht wenigstens im Dorf
Bescheid sagen, damit Pater Johannes zu meiner Mutter geht? Ihr wollt doch
nicht, dass sie ohne Absolution stirbt und im Höllenfeuer brennen muss?«
Ludolf schloss zu ihnen auf. »Was will die Kleine? Zärtlicher umfasst
werden?«, rief er anzüglich grinsend herüber. Die Bewegung des anderen war
ihm nicht entgangen. »Nein, 'nen Priester für die alte Hexe. Als wenn die
nicht sowieso schnurstracks in die Hölle fährt.« Oswald lachte boshaft.
Schlagartig wurde das Gesicht seines jüngeren Begleiters ernst.
»Damit ist nicht zu spaßen. Mit dem Höllenfeuer nicht und auch nicht mit
der Alten. Am Ende legt sie noch einen Fluch über dich.«
»Sie ist keine Hexe. Sie ist eine weise Frau, die nie jemandem etwas Böses
tun würde. Bitte, lasst sie nicht allein sterben«, bat Marthe.
»Wir haben keine Zeit zu verlieren«, brummte Oswald und rieb mit dem
Handrücken über die gezackte Narbe in seinem Gesicht. »Aber meinetwegen. Im
Dorf soll jemand den Priester losschicken.«
Erleichtert atmete Marthe auf. Pater Johannes würde Serafine beistehen. Und
Oswald hatte aufgehört, nach ihrer Brust zu tasten. Seine Rechte hielt sie
nun wieder mit hartem Griff umklammert.
Ein paar Hühner stoben laut gackernd beiseite, als die zwei Reiter durch
das Dorf unterhalb der Burg preschten. Während sie an einem alten Mann
vorbeiritten, der versuchte, ein mageres Schwein vom Weg zu treiben,
brüllte Ludolf: »Du da! Lauf zum Priester und schick ihn zu der alten
Wehmutter. Die liegt im Sterben.«
Der Alte blickte ängstlich auf. Aber als Marthe ihm nachschaute, sah sie
erleichtert, dass er in Richtung der hölzernen Kirche humpelte.
In scharfem Galopp ritten die Männer durch das Burgtor und grüßten mit
lässiger Handbewegung die Wache.
Oswald stieß Marthe vom Pferd und saß ab. Er warf die Zügel einem
Stallburschen zu und schickte Ludolf auf die Suche nach dem Verwalter. Mit
einem Blick erfasste das Mädchen das übliche Durcheinander auf dem
schlammigen Burghof. Schweine suhlten sich in einer Lache, gleich neben den
Ställen lag ein riesiger Misthaufen, aus der Küche drang lautes Geschrei,
neben dem verwitterten Brunnen lagen herausgebrochene Steine.
Am Schandpfahl hing ein Mann bewusstlos in Stricken. Sein Rücken war von
Peitschenhieben zerfetzt und blutverkrustet. Marthe wusste, wer der
Unglückliche war. Im Dorf hatte sich am Vortag in Windeseile
herumgesprochen, dass der Burgherr einen der armen Bauern für ein
Strafgericht auf die Burg schaffen ließ. Oswalds Werk, erkannte sie
beklommen angesichts des blutig geschlagenen Rückens. Jeder im Ort wusste,
dass der Narbengesichtige ein krankes Vergnügen dabei empfand, die Peitsche
zu schwingen. Seine Grausamkeit wurde nur von der des Burgherrn
übertroffen.
Als ob die Bauern ihre Schulden schneller zahlen könnten, wenn er sie zu
Tode prügelt, dachte sie bitter. Sie unterdrückte den Impuls, zu dem
Unglücklichen zu laufen und ihm zu helfen. So etwas wurde auf der Burg
nicht geduldet. Wenn die Dunkelheit hereinbrach, würde sie versuchen, ihm
wenigstens etwas Wasser zu bringen. Ein Schmerzensschrei gellte aus den
oberen Fensterluken des Bergfrieds.
»Hörst du, die Herrin braucht deine Hilfe«, knurrte Oswald.
Marthe schwieg.
Sie war nicht nur deshalb besorgt, weil dies ihre erste Entbindung ohne
Serafines Hilfe sein würde. Ihre Lehrmeisterin hatte angesichts der
fortschreitenden Krankheit darauf bestanden, dass Marthe auch allein Kranke
behandelte und Kinder auf die Welt holte. Aber bisher war Fine immer dabei
gewesen und hatte darauf geachtet, dass ihre junge Nachfolgerin alles
richtig machte.
Doch Irmhild, die junge Frau des Burgherrn, hatte noch nie ein gesundes
Kind geboren. Bei einer Fehlgeburt und einer Totgeburt waren Serafine und
Marthe schon an ihrer Seite gewesen.
Jetzt kam sie vor der Zeit nieder, drei Monate zu früh nach Marthes
Rechnung.
Wieder gellte ein Schrei über den Burghof. Der Verwalter näherte sich
Marthe und Oswald. Er war ein übellauniger Mann, dessen Augen in dem
aufgedunsenen Gesicht fast verschwanden. Sein dunkelbraunes Übergewand war
aus feinem Stoff, aber verschlissen und verschmutzt.
»Was bringt ihr da? Wo ist die alte Wehmutter?«, fragte er den Reisigen
unwirsch.
»Die liegt im Sterben - nichts zu machen.« Bedauernd hob Oswald die Arme.
»Da haben wir die junge mitgebracht.« Der Verwalter musterte die zierliche
Marthe.
»Du hast doch selbst noch kein Kind geboren - wie willst du da eines auf
die Welt holen?«, fragte er abfällig.
»Ich werde mich bemühen, Herr«, antwortete sie so ruhig sie konnte. »Aber
es ist noch viel zu früh für die Geburt eines gesunden Kindes. Vielleicht
wäre es besser, eine erfahrene Hebamme von weiter her zu holen.«
»Hat dir niemand Benehmen beigebracht?«, fauchte der Verwalter.
»Auf die Knie! Die Frau hat zu schweigen und den Blick zu senken.«
Wie soll ich erkennen, was den Menschen fehlt, wenn ich sie nicht einmal
anschauen...