Die vielen Namen, Völker und Orte lassen es bereits erahnen: An den zweiten Teil von Tad Williams' grandioser Osten-Ard-Saga, die Klett-Cotta endlich neu aufgelegt hat, sollte sich nur heranwagen, wer den ersten Band "Der Drachenbeinthron" bereits gelesen hat. Am Anfang des Buches gibt es aber auch eine ausführliche Zusammenfassung der Handlung des ersten Teils, so dass man sich alles noch einmal genau ins Gedächtnis rufen kann.
Stärker noch als vorher trennt der Autor hier die Wege der Protagonisten, die bald über ganz Osten Ard verteilt sind. Zwar liegt der Schwerpunkt auf den Reisegruppen aus Simon, Binabik und Sludig beziehungsweise aus Josua und seinem Gefolge, doch auch andere Charaktere rücken nun viel stärker in den Fokus - etwa Herzog Isgrimnur, Miriamel und ihr mysteriöser Begleiter Cadrach, die Kammerfrau Rachel, Graf Guthwulf, Tiamak oder Maegwin und Eolair.
Schließlich läuft alles darauf hinaus, dass sich die einzelnen Gruppen, die für das Überleben der Menschheit kämpfen und auf der Suche nach den drei Schwertern Dorn, Leid und Minneyar sind, zum Abschiedsstein aufmachen müssen - einem uralten Ort aus der Vergangenheit der Sithi.
Obwohl die Perspektive häufig wechselt und den Leser viel zu oft in atemloser Spannung zurücklässt - wie kann Williams das Kapitel ausgerechnet an dieser Stelle enden lassen? -, sind alle Erzählstränge gleichermaßen spannend und faszinierend. Die Ereignisse spitzen sich merklich zu und der Leser bekommt mehr und mehr Gefühl für die komplexen Zusammenhänge und den enormen Detailreichtum, den der Autor hier eingebracht hat. Hernystiri, Sithi, Rimmersgarder, Erkynländer, Qanuc - jedes Volk, das der Autor hier beschreibt, ist so individuell, so lebensecht mit ihrer Kultur und ihrer Lebensweise dargestellt, dass man, wie bereits beim ersten Band, das Buch nicht mehr aus der Hand legen mag. Es gibt einige unglaublich spannende Szenen, die diesmal nicht lange auf sich warten lassen (Band 1 begann ja sehr gemächlich). Bereits am Anfang erleidet der Leser einen kleinen ungläubigen Schock, denn Simon und Binabik werden nicht, wie man vermutet hatte, mit offenen Armen von den Qanuc empfangen. Auch das Schicksal Josuas bei den Thrithingbewohnern ist so dermaßen spannend geschrieben, dass man nicht mehr aufhören kann zu lesen. Leider müssen hier, mehr als zuvor, liebgewonnene Figuren ihr Leben lassen, aber dadurch gewinnt die Erzählung natürlich noch an Tiefe. Auch die Charakterisierung der Hauptfigur Simon, der jetzt nicht mehr "Simon Mondkalb" ist, sondern "Simon Schneelocke" - nicht die letzte Verwandlung übrigens - ist Tad Williams wieder ausgesprochen gut gelungen. Zwar ist Simon nicht mehr der tollpatschige, ungelenke Junge, der er auf dem Hochhorst war, sondern wird langsam zum Mann, aber immer noch quälen ihn Fragen, nagende Zweifel und immer wieder furchtbare Einsamkeit.
Die Aufmachung der Neuauflage macht ebenfalls wieder etwas her - der dicke Hardcover-Band hat einen schön gestalteten Schutzumschlag und ein Lesebändchen. Die Anhänge listen ausführlich Personen, Orte und fremdsprachige Begriffe auf, und innen aufgedruckt ist wieder die mittlerweile bekannte Karte Osten Ards, die man zur Orientierung auch wirklich braucht.
Fazit: "Der Abschiedsstein" ist ein grandioser zweiter Teil der vierbändigen Reihe "Das Geheimnis der großen Schwerter". Extrem unterhaltsam, liebevoll und detailreich ausgedacht, intelligent und atemberaubend spannend: Das ist High Fantasy, wie man kaum bessere in diesem Genre findet. Teil 3 "Die Nornenkönigin" soll bereits im August bei Klett-Cotta erscheinen; der vierte und letzte Teil "Der Engelsturm" ist für den Herbst 2010 angekündigt.