"Ich stelle mir vor...." ist wahrscheinlich der häufigste Satz in diesem Buch. Seitenlang phantasiert die Autorin vor sich hin, dazwischen dann wieder Reisebeschreibungen und Anekdoten. Zudem ist der Text mit einer Flut von Endnoten verunstaltet. Wenn man es schon nicht fertigbringt, alle Anekdoten im Textfluss unterzubringen, dann bitte als Fußnoten auf die Seite. So ist die dauernde Blätterei unerträglich. Zwei Drittel der Endnoten sind blanke Quellenangaben, ein Drittel sind mehr oder weniger lesenswerte Ergänzungen: man kann die Endnoten nicht einfach ignorieren, aber lesen kann man sie eigentlich auch nicht.
Ich habe mich bis "Lapislazuli" durchgekämpft und dort bin ich über die Karte von Afghanistan gestolpert, bei der das kaspische Meer mitten in China liegt. Nachdem die gute Frau Finlay auch an anderen Stellen, die ich nachprüfen konnte, blanken Unsinn verzapft hat: wer phantasievolle, verschwurbelte Literatur mag, für den ist das Buch was. Auf die darin verbreiteten "Fakten" kann man sich leider nicht verlassen. (so ist die Mär von der grünen Arsentapete, die Napoleon umgebracht haben soll, bereits seit 2002 als Gerücht entlarvt. Die Story war aber vermutlich so nett, dass sie unbedingt im Buch bleiben sollte.)
Ganz zum Schluss: das Buch enthält einige schwarz/weiß Strichzeichnungen. Für eine Kulturgeschichte der Farben etwas mager. Die gute Frau erzählt zwar viel davon, dass sie vor Ort fotografiert hat, aber leider teilt sie ihre Werke nicht mit dem Leser. Irgendwann wirkt das Konzept so daneben wie ein Hörbuch über Musikgeschichte ohne einen einzigen Ton. Der Titel "Das Geheimnis der Farben" verspricht zu viel. Geheimnisse verrät die Autorin in diesem Buch nicht.
Es mag allerdings auch am Verlag liegen, der aus "Travels through the Paintbox" eine "Kulturgeschichte" mit "Geheimnissen" gezaubert hat. Der englische Titel trifft es wesentlich besser. Im Deutschen wäre eine "Reise durch den Farbkasten" aber wohl nicht esoterisch und "erwachsen" genug 'rübergekommen.