Perlentaucher.de
Buchnotiz zu : Süddeutsche Zeitung, 16.08.2002
Ein Band voller Geheimnisse, urteilt Franziska Meier sarkastisch: worum es den über dreißig Autoren aus den Kunst-, Literatur-, Geschichts- und Politikwissenschaften des voluminösen Bandes eigentlich geht, bleibt für sie ebenso ein Geheimnis wie die Frage, was die "disparate Sammlung" von Aufsätzen letztlich zusammenhält. Schlicht und einfach schleierhaft ist der Rezensentin, warum es fünfhundert Seiten braucht, um aufzuweisen, "dass es von jeher Geheimnisse in Kunst und Politik gab, und dass sie in jeder Zeit unterschiedlich eingesetzt und verstanden wurden". Zwar bietet der Band nach Meiers Ansicht teilweise durchaus interessantes historisches Material und manche kluge Beobachtung. Da aber weder klare Kriterien, noch eine klare Fragestellung formuliert würden, bleibe alles vage. Neben dem Vagen findet Meier "viel Unergiebiges", z.B. zu den "Effekten des Geheimnisvollen" in Vermeers Briefleserinnen oder zu den Arbeiten zu Körper und Sexualität, in denen alte Thesen der Frauenforschung wieder einmal aufgewärmt werden. Insgesamt kann sich Meier nicht des Verdachts erwehren, dass hier ein Fall von Etikettenschwindel vorliegt.
© Perlentaucher Medien GmbH
Kurzbeschreibung
Geheimnisse spielen in der Erfahrung, in alltäglichen Lebenszusammenhängen (z.B. Beichtgeheimnis, militärische Geheimnissse, Geheimdienste, Herzensgeheimnissse, Briefgeheimnis, das Ausplaudern von Geheimnissen usw.) eine wichtige Rolle. Sie liegen in vielfach nicht bewußter Weise zentralen Vorstellungen und Vergemeinschaftungs- und Vergesellschaftsformen zugrunde: Das von Freud beschriebene ödipale Nadelöhr als notwendiges Durchgangsstadium zum Erreichen der erwachsenen Subjektivität rückt die damit verbundenen Geheimnisse, Heimlichkeiten und Verheimlichungen ins Zentrum der Subjektbildung; das von Marx beschriebene "Geheimnisvolle der Warenform" reguliert beispielsweise nach dem Verständnis der Theoretiker/innen in der Tradition der Kritischen Theorie nicht nur die ökonomischen Verhältnisse unter den Menschen, sondern hat weitreichende Bedeutung für alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens. Simmel beschrieb das Geheimnis als strukturierendes Prinzip der gesellschaftlichen We lt.
Die Fortdauer der Geheimnisse widerspricht der Annahme, die Aufklärung habe das Geheimnis aus dem gesellschaftlichen Leben verbannt. Sie steht im Gegensatz zu den Bemühungen der Aufklärer, dem Geheimnis/den Geheimnissen ein Ende zu bereiten. Sie wollten das Geheimnis und das Geheime, das Verborgene und Verhüllte in den Bereich des Wissens holen. Max Weber bezeichnete diesen Prozeß der Aufklärung als "Prozeß der Entzauberung der Welt": In der ersten Phase der Aufklärung bezog sich der Prozeß der Entzauberung vornehmlich auf die "arcana naturae": Francis Bacon, indem er einen Satz des Königs Salomo zitierte, schloss sich der Auffassung der ersten Aufklärung von der "prinzipiellen Unmöglichkeit des Naturgeheimnisses" (Blumenberg) an: "Der Ruhm des Herrn ist es, seine Werke zu verhüllen, der Ruhm des Königs hier zu verstehen als: des Menschen als dem König der Schöpfung , sie zu erforschen" (Novum Organon). In der weiteren Entwicklung konzentrierte sich das Bemühen der Aufklärer au f die Beseitigung der "arcana imperii", d.h. auf die Herstellung einer Ordnung der bürgerlichen Gesellschaft und des Staates, in der im Medium einer rationalen Öffentlichkeit über die Belange der bürgerlichen Gesellschaft verhandelt werden können sollte. "Öffentlichkeit" wurde im liberaldemokratischen Diskurs ein mit "Freiheit", "Gleichheit", später auch "Gesundheit" und "allgemeiner Menschlichkeit" verbundenes Konzept; das Geheimnis und das Geheime sollten nunmehr in "öffentlichen" Belangen keine Rolle mehr spielen. Dies sollte der überwundenen feudal-absolutistischen Vergangenheit angehören.
Die geläufige Entgegensetzung von "öffentlich" und "privat" verstellt vielfach den verstehenden Zugang zu Gesellschaften, in denen weder das Private und das Öffentliche, noch die entsprechenden "arcana" so geordnet waren, wie sie es in nachaufklärerischen europäischen Gesellschaften sind. Eine von nachaufklärerischen Denktraditionen geprägte Untersuchung der G esellschaft und Kultur der Frühen Neuzeit wird deshalb insbesondere den Wandel der Begrifflichkeiten und den zugrundeliegenden Unterschied politischer, sozialer und kultureller Praktiken deutlich ins Bewußtsein heben müssen