Wie entsteht ein Verhängnis, fragt der Erzähler in Thomas Hürlimanns Novelle Das Gartenhaus. Und antwortet: „Indem es seine Entstehung verbirgt." Damit ist schon viel über dieses Buch gesagt. Es beginnt mit einem tragischen Ereignis: Der einzige Sohn des Obersts und seiner Frau, Lucienne, stirbt in jungem Alter. Die Eltern wenden sich in ihrer wüsten Trauer der Gestaltung des Grabes zu - und sind sich nicht einig: „Der Oberst bestand auf den Rosen, sie auf dem Stein." Lucienne setzt sich schließlich durch. Von nun an gehen sie jeden Tag zum Friedhof, gleich nach dem Drei-Uhr-Tee. Doch entgegen aller Bemühungen beginnen die Angeln der Welt sich zu verschieben, langsam und unmerklich. Der Oberst macht es sich zur Gewohnheit, bei dem täglichen Gang einer über den Friedhof streunenden Katze Fleisch zukommen zu lassen, indem er es hinter dem Grab des Sohnes in der Erde vergräbt. Die Frau ist derweil damit beschäftigt, den Grünspan auf den eingravierten Buchstaben auf der Vorderseite des Grabes zu beseitigen. So verliert man sich allmählich aus den Augen. Nach dem Besuch des Grabes wird das Paar regelmäßig von der Tochter Zizi abgeholt, einem eigensinnigen, glaszarten Wesen. Über dem Tod des Sohnes war den Eltern die Mutterschaft Zizis aus dem Blick geraten. Das Kind wurde nie geboren. Doch der Oberst verliert zunehmend den Blick für das Ganze. Er führt sein Kriege noch einmal und denkt an Napoleon und Vietnam. Die Frau wird zum Feind, das Tier zum Objekt seiner Obhut. Er stirbt, als er Fleisch für die Katze im Gartenhaus holen will, ein Ort, den Lucienne seit dem Tod des Sohnes nicht mehr betreten hat. Hier hatte sie ihn zwei Jahre lang aufgezogen und gepflegt.
Wie entsteht ein Verhängnis? Ohne unser Wissen, still und unsichtbar. Wenn wir Glück haben, bemerken wir es irgendwann. Es kommt so langsam wie der Fluss dieser Worte, die ruhig und unprätentiös die Geschichte umspülen, weich und möglichst ohne Aufsehen zu erregen. Jeder Satz ist hier wie eine Woge, die sich, von einem geheimnisvollen Plan ersonnen, tief im Meer bricht, aber erst nach einer Weile als kleiner Ausläufer im Sand zum Erlöschen kommt. Die Stärke dieser Prosa liegt in jener Gelassenheit. Dazu gehört, dass die Erzählung nicht ungebrochen, nicht ohne einen zarten Hauch von Ironie verläuft. Die Figuren erscheinen nicht nur als die Leidenden einer Welt, deren grausame Beschlüsse ihnen nicht mitgeteilt werden. Sie sind gleichzeitig auch Wesen, die die Fremdheit dieser Welt in ihrem eigenen Handeln nachformen. Die großbürgerliche Kulisse ist da nur ein umso wirkungsvollerer Kontrastboden. „Warum ist das Leben so schrecklich, Liebster. Lucienne war entschlossen, die Katze zu vergiften."
Wann beginnen unabänderbare Entwicklungen, wie werden unaufhaltsame Prozesse in Gang gesetzt? Erkennt man das Verhängnis einmal, lässt es sich nicht mehr mitteilen. Jeder stirbt für sich allein. Übrig bleiben die Nebenkriegsplätze und Scheingefechte, die das große Nichts auszufüllen haben. Übrig bleiben die Rituale, in die man das auf ewig Bestehende und Unaussprechliche zu überführen und aufzuheben versucht. Übrig bleiben die Erinnerungen. Thomas Hürlimann ist es gelungen, diese Kalmen unserer Existenz überzeugend in Literatur geformt zu haben.