Das kürzlich im Anahita-Verlag in deutscher Übersetzung erschienene Freilerner-Buch ist eine Sammlung von Artikeln, die das natürliche, selbstbestimmte Lernen aus verschiedenen Perspektiven beleuchten.
Die Herausgeberin Jan Hunt ist Mutter und Elternberaterin. Manchen ist vielleicht ihr Buch Mensch Kind bereits bekannt. Zum Thema 'Freilernen' beteiligt sie sich mit einigen eher allgemein beratenden Beiträgen, in denen ihre Erfahrung als Lernbegleiterin ihres inzwischen erwachsenen Sohnes durchscheint. Mary van Doren, Nanda van Gestel und Kim Houssenloge erzählen dagegen ganz persönlich, wie sie als Mütter durch ihre Kinder zum natürlichen Lernen kamen und wie sie diese unterstütz(t)en.
Earl Stevens vergleicht geplante und freie Bildung sehr anschaulich. Dies tut auch der als 'Kulturkritiker' betitelte Daniel Quinn, jedoch aus einer außergewöhnlichen, eher anthropologischen Perspektive. Er macht u. a. auf die großen Erfolge der Schule aufmerksam, die paradoxerweise in keinem Lehrplan zu finden sind.
Die Artikelsammlung ist John Holt gewidmet, einem der Pioniere der amerikanischen Unschooling-Bewegung und Autor mehrerer Bücher zum Thema. Ein Auszug aus seinen Schriften schließt den Band ab.
Zwischen den Beiträgen befinden sich Gedanken anregende Zitate berühmter Persönlichkeiten der letzten zwei Jahrtausende, die zeigen, dass die Vorzüge freier Bildung schon vor langer Zeit erkannt wurden.
Der rote Faden, der die beitragenden Eltern, Lehrer und Wissenschaftler vereint, ist das Vertrauen, die unentbehrliche Grundlage in der Begleitung frei Lernender. Vertrauen, dass die Menschen von Anfang an fähig sind, sich das anzueignen, was sie interessiert und dass sie neben einer umfangreichen Bildung Wege finden, um zu den benötigten Informationen Zugang zu bekommen: Erfahrungswerte früherer Unschooler bestätigen, dass selbstbestimmt gebildete Menschen selbständig, verantwortlich und kreativ sind und eine überdurchschnittliche soziale Kompetenz vorweisen.
Das Freilerner-Buch spricht in erster Linie Eltern an. Da es sich um einen sehr individuellen Bildungsweg handelt, spielen die nahen Bezugspersonen eine sehr wichtige Rolle. Sie werden nämlich von den jungen Familienmitgliedern um Begleitung gebeten, um Zugang zu bestimmten Themen zu erlangen, Ideen zu verwirklichen und sich inspirieren zu lassen. Das Buch bietet einen vielfältigen Blick in das natürliche Lernen und ist somit als Einführung bestens geeignet. Doch selbst Leute, die mit dem Thema schon vertraut sind, können darin neue Sichtweisen entdecken. Mit seinen rund hundert Seiten ist das Werk allerdings nicht besonders umfangreich. Berichte von Menschen, die in den Genuss freier Bildung gekommen sind, haben darin leider keinen Platz bekommen. Gerade Menschen, für die die Idee ganz neu ist oder die an diesem Bildungsweg zweifeln, fänden einen Einblick in die Ergebnisse sicher sehr interessant.
Es ist sehr erfreulich, dass der deutsche Büchermarkt eine Neuerscheinung zu diesem Thema zu verzeichnen hat. Selbstbestimmtes Lernen wird immer präsenter in der Bildungsdebatte 'es bleibt zu hoffen, dass die Vorzüge Gehör finden und in die Bildungspolitik einfließen.