Fast hätte ein Unschuldiger sein Leben am Schafott ausgehaucht, fast hätte ein unschuldiges junges Mädchen seinen Liebsten betrauern müssen... Aber wenn alle Tatumstände gegen den armen Verdächtigen sprechen, dann ist die ermittelnde Miss Marpl... pardon, das Fräulein von Scuderi zur Stelle. Ja, richtig gelesen: Diese Erzählung von E.T.A. Hoffmann liest sich durchaus wie eine anachronistische Agatha Christie, wenn man als Leser die Ehrfurcht vor dem großen Namen über Bord wirft und ganz unbedarft einfach so losliest. Freilich, ich gesteh's: Wer nun einen bis ins letzte Detail ausgefuchsten Krimi erwartet, wird ein wenig enttäuscht sein. "Das Fräulein von Scuderi" hat dafür anderes zu bieten: eine Mischung aus Detektivroman (und zwar einem der ersten Vertreter des Genres, sogar noch vor Edgar Allan Poe), historischer Erzählung und Schelmenstück ganz in der Tradition der deutschen Romantik. Geschrieben wurde das alles von einem Meister des romantisch-ironischen Abstandes.
Wir befinden uns im Paris Ludwigs XIV., inmitten einer Gesellschaft im Umbruch also. Einerseits eine nach klarer Struktur und Ratio strebende Gesellschaft der Aufklärung, andererseits ihre verborgene Seite, die sich des Nachts austobt. Königlicher Anspruch, durchstrukturierte moderne Bürokratie... und dann dieses dämonische Etwas, dem sich nicht beikommen lässt. Das heißt, beikommen lässt sich dem schon -- aber nur von einem liebenswürdigen altmodischen Fräulein, das seinerseits wie ein Relikt aus überkommener Epoche wirkt und nicht so recht in die durchstrukturierte moderne Bürokratie passen will. (Was will uns der Dichter damit sagen?)
Ständige nächtliche Raubüberfälle auf galante Herren von Stande, unterwegs in pikanter Angelegenheit. Blutgerichte zuhauf im Paris Ludwigs XIV., eine Art säkulare Inquisition feiert fröhliche Urständ... und doch alles vergebens. Und nun das: Ein verhängnisvolles wertvolles Geschmeide, zu nächtlicher Stunde unter furchterregenden Umständen von einem geheimnisvollen Unbekannten dem Fräulein von Scuderi zu treuen Händen übergeben, lässt sich partout nicht rechtzeitig dem geheimnisumwitterten Eigentümer zurückgeben. Das Geschmeide kann nur von einem Juwelier stammen -- und der wird bald darauf feige gemeuchelt, und der sinistre Mörder auch alsobald dingfest gemacht: Ausgerechnet der arglose Geselle des Meisters scheint es zu sein, wer hätte das gedacht!
Aber wie gesagt: Jetzt tritt das Fräulein von Scuderi auf die literarische Bühne und bietet der ganzen bürokratischen Maschinerie die Stirn. Und sie denkt und denkt und denkt. Und am Ende bleibt kein loser Faden zurück bei ihrem gedachten Gewebe. Freilich greift dem Fräulein dabei der Zufall wacker unter die Arme. Dennoch gilt: Sie wagt's! Und sie gewinnt. Außerdem gewinnt die Unschuld, und die Liebe gewinnt natürlich auch. Und das Wort gewinnt, dieses eigensinnige altmodische unschuldige Wort, dem nicht mal der absolutistische König par excellence gewachsen ist.
Und der Leser hat auch gewonnen, denn der eigentliche Reiz dieser Erzählung besteht nicht so sehr in ihrer Handlung; die ist sogar recht bald absehbar. Der eigentliche Reiz besteht auch nicht in der geschickten Vermittlung des historischen Hintergrundes, obwohl Hoffmann viel solide Information in wenige (Ab-)Sätze verpackt, ohne in schwülstige Gelehrsamkeit zu verfallen, und der ein lebendiges Bild vermittelt vom Paris des ausgehenden 17. Jahrhunderts.
Der eigentliche Reiz besteht in der "protestantischen Freude am Wort", denn die feiert hier fröhliche Urständ. Hoffmann reizt hier die Stilmittel aus, scheut weder vor Schmachtroman-Vokabular zurück noch vor Anspielungen auf die Passionsgeschichte noch vorm Sprachduktus der historischen Chronik. Er spiegelt Motive und Szenen gegeneinander und nimmt in ihnen Handlungsstränge vorweg.
Nichts für eilige Leser also; man muss schon genau lesen, auf die Worte und Formulierungen achten und sie sich auf der Zunge zergehen lassen, und wirkten sie zunächst noch so unscheinbar: Menschliche Psyche und Absichten können sich hier womöglich in der Sprechweise noch vor aller Mimik und Gestik äußern, jedes Kleidungsstück ist womöglich eine Kundgebung -- und wer seinen E.T.A. Hoffmann kennt, der weiß sowieso: Ereignisse und wiederkehrende Zitate sind doppeldeutig; man sollte nicht auf ihre übliche Interpretation hereinfallen, und ziehen sie sich noch so leitmotivisch und scheinbar eindeutig durch die Erzählung.
Vielleicht ist "Das Fräulein von Scuderi" nicht die optimale Einstiegsdroge in Sachen E.T.A. Hoffmann. Aber wer schon das ein oder andere Prachtstück des Querdenkers Hoffmann mit Genuss gelesen hat, für den dürfte "Das Fräulein von Scuderi" so eine Art literarische Maßanfertigung sein. Wobei die Anmerkungen/Erläuterungen der Reclam-Ausgabe für Hoffmann-erfahrene erwachsene Leser ausreichen dürften; für den bildungshungrigen Schulbedarf jedoch gibt's mittlerweile ausführlicheres -- wenn's denn unbedingt das Fräulein von Scuderi sein muss im Deutschunterricht (Merke: Man sieht bzw. bemerkt nur, was man weiß).