In Ecos -wie ich finde langatmigstem- Werk geht es um drei Lektoren, die über ein Fragment eines mittelalterlichen Schriftstückes stolpern. Die Zeilen jedoch sind unvollendet, es fehlen Bruchstücke. Goethe grüßt : "Gewöhnlich glaubt der Mensch, wenn er nur Worte hört, es müsse sich dabei doch auch was denken lassen." (Faust, 2566-2567) Und so handeln die drei, sie erfinden, sie stricken sich einen Text zurecht, sie nehmen Ereignisse der Geschichte und verbinden diese, decken darum herum einen roten Faden in der Menschheitsgeschichte auf, der zu einer bestimmten Zeit unterbrochen worden ist, und gipfeln ihre Kreativität in einer Karte, welche die Ruhestatt des Heiligen Grals bezeichnen solle. Das lockt Neider auf den Plan, Diaboliker, die alles für bare Münze nehmen und sich als die Nachkommen einer Bruderschaft verstehen, die den Gral zu schützen sich geschworen hat. Aus Spaß wird tödlicher Ernst...
Ein abgegriffenes, abgeschmacktes, ausgekautes Eisen, das Eco angepackt hat; zwar ist die Erstausgabe schon vor dem "Neo-Templer-Hype" der ausgehenden 90er Jahre entstanden, galt damals -vielleicht- als Novum, steht aber mittlerweile aufgrund seiner Thematik in einer Reihe mit den Trivialwerken Dan Browns (Illuminati), Andreas Eschenbachs (Das Jesus Video) und zahlreicher anderer. Doch bei Eco gilt: Bibelthemen einmal anders! Die Konstruktion der historischen Zusämmenhänge um die Tempelritter und den heiligen Gral bis in die Neuzeit hinein ist erfrischend und lässt schmunzeln, alles passt ineinander; im Licht der Abenddämmerung atmet halt alles, auch die Guillotine, einen tiefen Goldgrund von Friede aus - man muss es nur im rechten Licht betrachten. Dinge, die bei Tage betrachtet, absolut nicht zueinander passen, ergeben bei Nacht einen Sinn. Warum glauben die Diaboliker die konstruierten Zusammenhänge? Eco gibt hier die Antwort: "Die Leute glauben dem, der Haarwuchsmittel für Glatzköpfige anpreist. Sie spüren instinktiv, dass er Wahrheiten zusammenkleistert, die nicht zusammenhalten, dass er nicht logisch ist und nicht seriös. Aber man hat ihnen gesagt, Gott sei komplex und unergründlich, und daher empfinden sie Inkohärenz als etwas Gottähnliches. Das Unwahrscheinliche ist dem Wunder am ähnlichsten."
Eco macht sich hier, wie in anderen Werken auch (z.B. Baudolino, Der Name der Rose usw.), über die Naivität der Menschen lustig; er begeht dies auf eine sehr espritvolle Art und Weise und beschwört in seiner oft subtilen Kritik bei mir Parallelen zu Aphorismen Sören Kierkegaards herauf. Der Philosoph Eco bricht an jeder Ecke durch das Gestrüpp, das er konstruiert, bleibt Herr darüber und gibt dem Leser Anreize zum Nachdenken.
Die Geschichte ist streckenweise zu Beginn sehr langatmig geschrieben, Eco protzt mit einer Fülle an Wissen und fördert in seiner Eloquenz Schätze des Fremdsprachenvokabulars zutage, die kein Mensch im täglichen Leben benutzt. Dies ermüdet, aber ist gleichsam ein Beispiel dafür, dass man sich oft vieles anhören muss, bevor man zu einem eigenen Schluss gelangt; und der ist gelungen, Eco lotst den verständigen Leser durch die Stolperfallen, die er den "gewöhnlichen Menschen" auslegt, und stellt ihn zuletzt vor seine -des Autors- bekannte atheistische Weltanschauung, die in dem Aphorismus gipfelt : "die Wahrheit von Malchuth, die einzige Wahrheit, die in der Nacht der Sefiroth leuchtet, ist, dass die Weisheit sich nackt in Malchuth enthüllt, und sie enthüllt, dass ihr Geheimnis im Nicht-sein liegt, im Nicht-existieren, ausser für einen einzigen Augenblick, nämlich den letzten." Der Leser wird gefordert, er muss nachdenken, was das bedeutet, und wird sich -wenn er soweit ist- an Philosophen wie Parmenides oder Emanuele Severino erinnert fühlen.
Diese Geschichte ist nichts für jemanden, der abends sich bei leichter Kost entspannen will; aber es ist ein lohnenswertes Buch, nicht nur wegen der zahlreichen Zitate, die man diesem abgewinnen kann ("Mit Würde leben heisst Tag für Tag sein Horoskop korrigieren"; "Was die andern Tiefe nennen, ist nur ein Tesserakt, ein vierdimensionaler Kubus : du trittst auf der einen Seite hinein, auf der anderen hinaus, und befindest dich in einer Welt, die nicht mit deiner koexistieren kann." usw usf). Es überzeugt vor allem durch seinen Erfindungsreichtum. Erfinde, erfinde den großen Plan, Casaubon. Das ist es, was alle getan haben, um die Pfirsiche und die Dinosaurier zu erklären...