Frühstes veröffentlichtes Selbstzeugnis/Tagebuch eines französischen Soldaten im 1. Weltkrieg. Erschienen 1916, ausgezeichnet mit dem Prix Goncourt und in 60 Sprachen übersetzt.
Barbusse schildert den Alltag seiner Korporalschaft im und hinter den Schützengräben. Er hatte sich freiwillig gemeldet, wandelte sich aber innerhalb "nur" eines Jahres an der Front zum absoluten Kriegsgegner.
Barbusses Leistung besteht vor allem darin, mit dem Image des heroischen Soldatendaseins, welches die damalige öffentliche Meinung romantisch verklärte und die Propaganda gezielt zur Manipuliation einsetzte, aufzuräumen. Dabei setzt er nicht auf emotionales Pathos, sondern schlicht und einfach auf die Wahrheit. Trotz des eigenen Erlebens und der zeitlichen Nähe der geschilderten Ereignisse, trotz subjektiver Erzählperspektive, tritt Barbusse hier als Beobachter mit einer gewissen intellektuellen Distanz auf, er dokumentiert, erzählt, aber nicht sein individuelles Schicksal, sondern darüber, was es bedeutet, Soldat, auf nicht mehr als "menschliches Material" reduziert zu sein. Die Beschreibungen sind naturalistisch, erdig, flankiert durch Dialoge in der groben Umgangssprache, welche in den Schützengräben herrschte.
3/4 des Romans kommt Barbusse mit erstaunlich wenig Gewalt aus (realistische Kriegsfilme haben das innere Auge offenbar schon übersättigt), oder besser: weit weniger als erwartet, und trotzdem geht es genau um das: die Sinnlosigkeit und Brutalität des Krieges. Wie nicht nur die Schlachten, sondern Hunger, Kälte, Dreck, Läuse, Erschöpfung, Tristesse, Regen, Wassermassen in den Schützengräben, Isolation, Ängste, usw. die Soldaten nicht in die Hallen des ewigen Ruhmes erheben, sondern erniedrigen und reduzieren.
Im 20. Kapitel (im letzten Viertel) folgt dann die ausführliche Schilderung einer Angriffsschlacht, darauf die Morgendämmerung auf dem Schlachtfeld (die mich am meisten aufgewühlt und berührt hat) und schließlich das Erwachen der Soldaten. Diesen letzten Dialogen haftet etwas an von sozialistischem Manifest, aber ganz ursprünglich und authentisch.
Was bleibt, ist nicht so sehr ein Schaudern und Ekel angesichts einzelner Toter, schwerster Verwundungen etc., sondern ein Gesamteindruck existenzieller Desillusion und der unfassbaren Dimensionen dieses Krieges: in Bezug auf Opfer, Kriegsmaterial, Zerstörung von Menschen und Erde, versinnbildlicht im Niemandsland nach der Schlacht.
Ich wundere mich, dass Barbusse in der Anti-Kriegsliteratur keinen prominenteren Platz einnimmt, schließlich war er einer der ersten, der so kompromisslos gängige Auffassungen demontierte. Ich dachte einfach: "Eines dieser Bücher muss man mal gelesen haben", und Barbusse habe ich bei der Recherche am glaubhaftesten gefunden.
"Die anderen" werde ich nun vielleicht auch lesen:
Remarque (Im Westen nichts Neues) ist deutlich später erschienen, wahrscheinlich auch literarischer (und damit publikumstauglicher?).
A. Zweig (Erziehung vor Verdun) ist noch später geschrieben und viel stärker psychologisierend.
Jünger (In Stahlgewittern) mit innerem Widerstreben, da von einem (damals noch) Unbelehrbaren verfasst, aber deswegen wohl umso wichtiger, um die Motivation der Freiwilligen nachvollziehen zu können