Runde Geburtstage sind normalerweise ein Anlass, die zurückgelegte Wegstrecke des Jubilars in verklärter Nostalgie hochleben zu lassen. Die etwas dunkleren Kapitel, die es wohl in jeder Biografie mehr oder weniger gibt, spart man dabei anstandshalber freilich aus. Bei dieser wohlbetuchten dänischen Großfamilie, die zum 60. Geburtstag des Familienpatriarchen (Henning Moritzen) zusammenkommt, ist von Anfang an alles anders. Eine Bilderbuchfamilie, die seinen Vorstellungen entspricht, kann der wohlhabende Hotelier weiß Gott nicht vorweisen. Der jüngste Sohn Michael (Thomas Bo Larsen) ist ein chauvinistischer Choleriker, der im Hinterzimmer des Anwesens eine Bedienstete zusammenschlägt, die damit drohte, die gemeinsame Affäre seiner Frau zu offenbaren. Seine Schwester Helene (Paprika Steen) wiederum hat sich beharrlich dem Wunsch ihrer Eltern verweigert, Jura zu studieren. Der Erstgeborene Christian (Ulrich Thomsen) hat in den Augen seines alten Herren den Makel, dass er immer noch ledig ist. Er ist auch so verdächtig ruhig und hat immer diesen nachdenklichen Blick im Gesicht. Den langen Weg vom Bahnhof kam er gelaufen, anstatt ein Taxi zu nehmen, als wollte er vor der anstehenden Transgression noch einmal in sich gehen. Auf dem Geburtstagsbankett wird ihm als ältesten Sohn die Ehre zu Teil, die Lobrede auf seinen Vater zu halten. Und da wird ganz schnell klar, warum er so bindungsunfähig und introvertiert ist: Der Vater hat ihn als Kind missbraucht. Zusammen mit seiner zweiten Schwester, die sich deswegen das Leben nahm. In dieser Rede mit dem obskuren Titel "Papa wollte baden" lässt er jetzt alles raus, was sich über die Jahre an unausgesprochenen Worten angestaut hat. Von innen nach außen, ohne Rücksicht auf Verluste. Ein verbales Massaker in feierlichem und subliminalem Ton vor versammelter Verwandtschaft. Dabei hatte der Jubilar sein Schicksal selbst in der Hand. Denn er konnte die Art und Weise seiner Lobpreisung aus zwei Umschlägen zwischen einer geschönten und einer wahren Rede selbst wählen. Er setzte auf den grünen Umschlag und zieht so die Wahrheit. Wer denkt, dass jetzt die Party gelaufen ist, der irrt. Die emotionalen Eisberge, die da vor Christian sitzen, halten kurz inne und feiern weiter, als wäre nichts gewesen. Auch die Mutter macht sich durch ihr Schweigen mitschuldig, um die heile Welt einer Familie nicht zu gefährden, die längst nicht mehr existiert. Die Schuld wird beim Opfer gesucht. War Christian nicht immer schon ein wenig geisteskrank? Da steht Christian wieder auf, klopft erneut mit dem Messer an das Glas und läutet so die nächste Runde im verbalen Kampf gegen den Schänder ein, der an der langen Tafel genau ihm gegenüber am anderen Ende sitzt. Ein kathartisches Outing wird hier als Brechen der Kruste des Schweigens in Form eines gnadenlosen Showdowns inszeniert, bei dem auf jegliche Art von Subtilität gepfiffen wird. Ohne Umschweife und Untertöne wird von Angesicht zu Angesicht miteinander abgerechnet.
Das Fest ist von seiner Machart her ein puristischer Film. Die starren Kameraeinstellungen wirken fast schon wie Aufnahmen von einer Überwachungskamera. Die abrupten Bewegungen der Handkamera evozieren sehr gut die nervöse Stimmung, die über der Festgesellschaft liegt. Auf die übliche Ausleuchtung der Sets wurde genauso verzichtet wie auch auf Filter und einen professionellen Soundtrack. Die Ausstattung ist spärlich. Der Name des Regisseurs fehlt im Abspann. Thomas Vinterberg lebt mit dieser Art des reduzierten "Film pur" die Keuschheitsregeln der Dogme 95. Einige der selbst auferlegten Verbote umgeht er dabei geschickt, indem er als Substitut für den fehlenden Soundtrack die Geburtstagsgesellschaft regelmäßig singen lässt. Dass sein Name in den Credits doch noch auftaucht, ermöglicht ein Cameo-Auftritt als Taxifahrer. Im Mittelpunkt steht aber nicht nur das Entlarven der Schandtat, sondern eng damit verknüpft vor allem die Familienstruktur und -hierarchie. Spätestens als der Patriarch ganz am Anfang des Films seinen ältesten Sohn gönnerhaft die Wange tätschelt, wird ganz schnell klar, wo hier die Referenzen liegen und wer bei der Figurenzeichnung (im wahrsten Sinne des Wortes) Pate stand. Vinterbergs Faible für Figuren wie Vito, Sonny und Michael Corleone kommt hier klar zum Ausdruck. Die Idee, auf Hochglanz zu verzichten und im spartanischen Digital-Video-Format große Geschichten klein und authentisch zu erzählen, löste eine Welle aus, die selbst in Hollywood mittlerweile viele Imitatoren (z.B. Jonathan Demmes "Rachels Hochzeit") anzieht.