Mit großen Vorbehalten las ich dieses Buch von Michael Hesemann. Der „Grenzwissenschaftler" (eine Disziplin, die - wohl nicht zu Unrecht - an deutschen Universitäten unbekannt ist) und sein Verlag publizieren sonst über UFOs, wilde Verschwörungstheorien und andere pseudowissenschaftliche „Erkenntnisse". Auch der reißerische Untertitel, der Einsichten in „die Zukunft der Menschheit" verspricht, ließ nichts Gutes erwarten. Die Lektüre überraschte jedoch positiv. Es handelt sich um ein glänzend geschriebenes, wohlinformiertes und bisweilen sogar spannendes Buch, das ausführlich die Geschehnisse schildert, seit 1917 in dem portugiesischen Dorf Fatima drei Kindern die Muttergottes erschienen sein soll. Der Autor beginnt, eingebettet in die politisch-sozialen Verhältnisse Portugals, mit einer Schilderung der Umstände, unter denen angeblich zuerst der „Engel von Portugal" und dann immer wieder die Jungfrau Maria allen Kindern und später Schwester Lucia, der einzigen noch lebenden „Seherin", allein erschienen ist. Ausführlich werden die daraufhin von Papst Pius XII. durchgeführte Weltweihe an das „Unbefleckte Herz Mariens" und ihre von Schwester Lucia wegen „Formfehlern" verlangten Wiederholungen durch den „Fatima-Papst" Johannes Paul II. 1982 und 1984 geschildert. Besondere Aufmerksamkeit widmet der Autor dem „dritten Geheimnis" von Fatima, den Umständen seiner Veröffentlichung im Jahr 2000 und seiner Interpretation durch Johannes Paul II.; dieser sieht sich offenbar selbst in der Rolle jenes „in Weiß gekleideten Bischofs", der bei dem gegen ihn gerichteten Attentat am 13. Mai 1981, dem Jahrestag der Fatima-Erscheinung, nur durch das Eingreifen der „mütterlichen Hand" der Jungfrau dem sicheren Tod entkommen ist. In seiner detaillierten und informierten Schilderung der achteinhalb von den Fatima-Ereignissen geprägten Jahrzehnte Kirchengeschichte gibt sich Hesemann anfangs sachlich und kritisch, verliert diese Distanz allerdings im Laufe des Buchs zunehmend. Im allgemeinen schließt er sich den kirchlichen Darstellungen an, insbesondere der aus Anlaß seiner Veröffentlichung von der Glaubenskongregation herausgegebenen offiziellen vatikanischen Interpretation des „dritten Geheimnisses".
Wenngleich der Glaube des Papstes an die Echtheit der Erscheinungen sicher ein hohes Gewicht bei der Einschätzung der Fatima-Geschehnisse hat, kann die im Buch nahegelegte Interpretation dennoch nicht restlos überzeugen. Für die Echtheit der Erscheinungen spricht zwar, daß Lucia, die später in ein Kloster eintrat, subjektiv von ihrem Erlebten vollkommen überzeugt sein muß; so fällt es sehr schwer zu glauben, daß sich ein Kind mit zehn Jahren in einem Themenbereich, von dem es in diesem Alter noch nichts verstehen kann, auf eine Lüge festlegt und diese ihr Leben lang durchhält. Auch das „Sonnenwunder" im Oktober 1917, das die Seherkinder nachweislich vorab ankündigten und das von (wenn es denn stimmt) bis zu 100.000 Personen gesehen wurde, scheint die Glaubwürdigkeit von „Fatima" zu bestätigen. Gleichwohl ist nicht zu übersehen, daß sich die von Lucia behaupteten Marienbotschaften im Laufe der Zeit (von ihrem mündlichen Bericht 1917 bis zu ihrer schriftlichen „vierten Erinnerung" 1944) inhaltlich verändert und erheblich erweitert haben. Außerdem sind Lucias Angaben widersprüchlich: War etwa die 1984 durch den heutigen Papst vorgenommene Weltweihe tatsächlich, wie von Lucia behauptet, „nötig", so müßte die Weltweihe 1942 durch Pius XII. wohl „unwirksam" gewesen sein und dürfte dann kaum die ihr nachgesagte entscheidende Wende im Zweiten Weltkrieg zur Folge gehabt haben. Auch haben sich, trotz mancher Parallelen zum Papstattentat, die Prophezeiungen des „dritten Geheimnisses" offensichtlich bisher nicht erfüllt: Der Papst ist nicht, wie vorhergesagt, dabei gestorben; auch wurde er nicht „von Soldaten, die mit Feuerwaffen und Pfeilen auf ihn schossen", niedergestreckt; das Attentat fand nicht auf einem „steilen Berg" mit einem Kreuz statt usw. Obwohl man sich hier von diesem Buch ein wenig kritischere Überlegungen gewünscht hätte, verdient der Verfasser allerdings den größten Punktabzug für die Art, wie er mit Zitaten umgeht: In wörtlicher Rede zitiert er private Unterhaltungen, die - da Hesemann oder irgendein anderer Autor selbst unmöglich dabei gewesen sein können - wohl in ihrem Verlauf frei erfunden sind; kaum ein Zitat wird ordentlich belegt; und selbst die wenigen im Text (meist unvollständig) genannten Quellen können oft nicht vervollständigt werden, da sie im Literaturverzeichnis nicht auftauchen. Gerade bei einem Thema aber, bei dem es wie bei keinem anderen auf die Glaubwürdigkeit der Quellen ankommt, fallen diese Mängel des Buches besonders ins Gewicht.