Die ES-Herrschaft bzw. die Erlaubnis des relativ unbeschränkten Auslebens von ES-Forderungen (die in Umkehrung des Freudschen Satzes proklamiert: Wo ICH war, soll ES sein) betont, daß das ICH die Stätte und die Ursache von Unsicherheit, Schuld, Angst und vor allem von eigener Verantwortung ist, so daß der individuelle Freiheitstraum immer auch ein Angsttraum ist, dem man durch Unterwerfung unter äußere Autorität entfliehen kann. Immer wieder wird der Faschismus von seinen Anhängern als Erneuerung und Befreiung, ja spezifisch psychotherapeutisch als Kur und Heilung (zum Teil der Ganzheit und Ordnung) empfunden. Das vorliegende Essay eines der bekanntesten Psychoanalytiker ist zugleich sein Vermächtnis. Er brachte es vor einigen Jahren in eine nie veröffentlichte Faschismusstudie des Instituts für Konfliktforschung, dessen Gründer er war, ein. Es gilt als Mahnung, alte Fehler nicht mehr zu wiederholen, besonders nicht dadurch, daß wir den "Faschisten in uns selbst" arroganterweise übersehen. Friedrich Hacker, Jahrgang 1914, genoß international hohes Ansehen. Sein Rat und seine Hilfe wurden in spektakulären Verbrechensfällen gesucht, so beim Kidnapping der amerikanischen Verlegertochter Patricia Hearst oder bei der Geiselnahme des österreichischen Botschafters in Bogota 1980. Er war erster Präsident der Sigmund-Freud-Gesellschaft in Wien. Seine Bücher erreichten Auflagen in Millionenhöhe. Zeitlebens beschäftigte er sich mit den Phänomenen der Aggression und den fatalen Mechanismen von Verblendung und irregeleiteter Aktion. Er starb 1989 während einer Fernsehdiskussion über die "Republikaner". "Ich folgte der Ansicht Eike Hennings, daß eine gesamtgesellschaftliche Theorie des Faschismus ohne die Aufdeckung psychischer Vorgänge und ihrer Bezüge zu den Produktions- und Herrschaftsstrukturen nicht mehr auszukommen vermag und daß daher die in der Literatur einigermaßen vernachlässigten sozialpsychologischen Ursachenkomplexe besondere Bedeutung haben. Diese Überzeugung kommt im Kernstück dieses Essays, den zehn Kategorien des Faschismus-Syndroms, sowie in meinem Konzept des `Ich im Dienste der Regression' zum Tragen." Die in Hackers zehn Kategorien zusammengefaßten Merkmale entsprechen bestimmten Wunschvorstellungen und Sehnsüchten des Einzelnen und einem tiefempfundenen, existentiell bedeutsamen Bewußtsein eines wie auch immer gearteten Mangels. Die Ebene, auf der das Ursachengefüge für eine solche Welt- und Selbstsicht zu suchen ist, ist die psychische, ist das ICH. Daher, so Hacker, sei es nötig, auf psychoanalytische Grundbegriffe zurückzukommen, um die psychischen Konstellationen zu verdeutlichen, die zu einer Bevorzugung faschistischer "Angebote" führten. Eben das weitgefächerte faschistische Angebot gibt dem Starken oder sich stark fühlenden die Möglichkeit, diese Stärke auszutoben, und dem Schwachen die Möglichkeit, sie zu kompensieren und die Sinnsuche nach einem starken Ich zu befriedigen. Immer ist die strikte Rollenzuweisung, die zwar unbedingte Unterwerfung erfordert, aber gleichzeitig auch einen eigenen Machtbereich definiert, von entscheidender psychologischer Bedeutung, weil durch Disziplin und Hingabe scheinbar eine Aufgabe erfüllt und ein Lebenssinn gefunden werden kann. Diese Kategorien sind:
Die Maximierung von Ungleichheit. Das Recht des Stärkeren Das Führerprinzip. Die Irrationalität. Die Dauermobilisierung. Die Vereinheitlichung. Die organische Ganzheit. Der Totaleinsatz. Die Gewalt und der Terror von oben. Das Uralte und das ganz Neue.
Hacker war übrigens einer der Mitarbeiter Theodor W. Adornos. Auf dem klassischen Werk über den "autoritären Charakter" beruht ja hauptsächlich die traditionelle Vorurteils-, Antisemitismus- und Faschismusforschung der letzten vierzig Jahre. Hackers Essay kann, aus psychotherapeutischer Sicht gelesen, eine anregende Lektüre sein zu der immer wieder wichtigen Frage, wohin denn nun Therapie führen soll: Wo ES war, soll ICH werden? Wo ICH war, soll ES erscheinen? Bernhard Maul (Körperpsychotherapeut), Freiburg i.Br.