Ich bin durchaus ein Fan des deutschen Films, der meiner Meinung nach besser ist als sein Ruf (und oft viel besser als der Hollywood-Mainstream). Noch nie zuvor allerdings hatte ich einen deutschen Streifen gesehen, den ich nach dem Ende am liebsten gleich nochmal angeschaut hätte. Natürlich ist nicht alles authentisch und manches vielleicht ein klein wenig dick aufgetragen (aber dieses Stilmittels darf sich ein Film jederzeit bedienen). Insgesamt ist die Handlung absolut überzeugend. Wie sich hier langweilige, komplexbehaftete Spießer in wahre Monster verwandeln, sobald sie einmal in ihrem traurigen Leben ein wenig Macht bekommen, ist realistisch und bedrückend zugleich. Der Film ist nach meiner Meinung ein Lehrstück über den Faschismus. Prädikat: Besonders empfehlenswert, aber FSK 16 beachten, es ist kein leichtverdaulicher Stoff!
Und jetzt bleibt eigentlich nur zu hoffen, dass Hollywood nicht wieder einmal einen perfekten Film nach eigener Manier neu verfilmt (entsprechend geglättet und geschönt bzw. mit Happy End ausgestattet - wie schon allzu oft erlebt - Beispiel: der glänzende niederländische Film "Spurlos").
Nachtrag 10 Jahre später (16.01.2012): Habe eben das dann leider doch unvermeidliche bzw. unvermiedene US-Remake gesehen. Leider, leider völlig überflüssig. In jeder Beziehung ist das Original besser - die Figuren sind stimmiger, die Entwicklung der Story ist überzeugender, die Besetzung glaubwürdiger. Ein Justus von Donanyi mutiert geradezu zwangsläufig vom verklemmten Spießbürger zum sadistischen Nazi, während man nicht wirklich nachvollziehen kann, weshalb Forest Whitaker das Potential zum Menschenschinder hat - es bleibt in psychologischer Hinsicht unbefriedigend. Oder noch ein Beispiel: Der Hauptakteur (im Original von Moritz Bleibtreu, im Remake von Adrien Brody gespielt) ist im deutschen Film einfach ein gescheiterter Journalist, der eine gute Story wittert. Er ist im Grunde am Anfang derselbe Kerl wie am Ende, nur durch die Umstände gezwungen, seine anfangs lockere Haltung grundlegend zu ändern. Im amerikanischen ist er ein Pazifist (was man an den langen Haaren erkennen soll...). Es wird schon am Anfang herausgestellt, dass er nie Gewalt ausübt, nicht einmal zur Verteidigung. Später wird er dann der Anführer des "Widerstands" im Experiment und scheut dabei auch nicht mehr vor Gewalt zurück - jetzt mit nacktem Oberkörper, auf dem zahlreiche Tattoos sichtbar sind (so ist sein jeweiliger Entwicklungsstand für den Betrachter einfacher zu erkennen - schon alleine das ist ziemlich lächerlich). Das soll offenbar im US-Film das Hauptresultat des Experiments sein - ein Pazifist mutiert zum Schläger. Sowas versteht der durch den Hollywood-Pentagon-Komplex gestählte Zuschauer - im Zweifel darf man immer militant sein und auch zur Waffe greifen. Der viel subtilere Ansatz des deutschen Films, in dem es um die Wandlung vom Biedermann zum - nicht Brandstifter, sondern machtbesessenen Möchtegern-Herrscher geht, gefällt mir viel besser. Das "deutsche" Experiment verändert eher die Wärter, das "amerikanische" eher die Häftlinge. Das Ende im Remake finde ich sehr unbefriedigend und unlogisch. Und wie weiter oben prophezeiht, ist es letztlich sogar ein Happyend. Schwach! Zum Schluss: Warum "Das Experiment" FSK 16 und "The Experiment" FSK 18 ist, erschließt sich mir auch nicht wirklich. Nein, es ist mir unerklärlich!