Das Experiment: Eine Gruppe von zwanzig freiwilligen (und gut bezahlten) Teilnehmern, vom Projektleiter willkürlich (?) in "Wärter" und "Gefangene" unterteilt, hat die Aufgabe, 14 Tage im Gefängnis zu durchleben -mit der knappen Vorgabe, die Rollen ernst zu nehmen, aber Gewalt zu vermeiden. Ersteres klappt überraschend gut, letzteres wird erstaunlich schnell "über Bord geworfen". Soweit die Handlung, die durch das "Stanford Prison Experiment" von 1971 (http://de.wikipedia.org/wiki/Stanford-Prison-Experiment) inspiriert wurde.
Während der gesamten Spielzeit des Filmes hat man jedoch nie den Eindruck, dass hier durch Schauspieler etwas "vorgespielt" wird. Jede Szene, jede neue Eskalation im Film erscheint plausibel, und immer wieder erwischt man sich bei der Frage, wie man selbst reagieren würde. Wäre man, wie die Nummer 77, stolz und aufsässig? Oder unterwürfig wie die 58? Könnte man dem erklärten Ziel, als Wärter "angemessen" auf die Provokation zu reagieren, treu sein? Und was heißt überhaupt "angemessen"?
Mit diesen Fragen spielt der Film. Moritz Bleibtreu ist ein hervorragender Schauspieler, doch er allein trägt diesen Film nicht. Die Rollen sind durch Schauspieler besetzt, die die Charaktere der Personen zum Greifen nah machen. Die Einzelinterviews mit den Handelnden (Special Feature der DVD) sind der Sahneklecks und machen überdeutlich, dass wir alle empfänglich dafür sind, Rollen, die uns zugewiesen werden, auch auszufüllen. Der Film "Das Experiment" macht nachdenklich, aber er tut dies mit großartiger Unterhaltung. Der erhobene Zeigefinger ist spürbar, aber er wird nicht staubtrocken vermittelt.
Neun Jahre nach dem Kinodebüt 2001 hat der Film "Das Experiment" nichts von seiner Faszination eingebüßt. Obwohl inzwischen fast unvorstellbar ist, dass Filme ohne Riesenbudget, pyrotechnische Effekte und 3D-Animation auskommen können, möchte ich diesen verhältnismäßig alten Film jedem nahe legen, der eine scheinbar simple Handlung noch Stunden nach Filmende "verarbeiten" möchte. Für mich ein herausragender Film aus dem täglichen Einerlei -Gänsehautstimmung garantiert.