"Wann, Herr, kommt der Tag, daß du dich uns zuwendest und vor den Menschen deine Irren, eingestehst" (164). Es verwundert nicht, dass die katholische Kirche in all ihrer Borniertheit gegen Jose Saramagos Roman "Das Evangelium nach Jesus Christus" Sturm lief und ihn aus den Buchläden verbannt sehen wollte. Diese satanischen Verse wollte man den eigenen Schäfchen nicht zumuten. Humorlose Fundamentalisten gibt es halt nicht nur im Morgen- sondern auch im Abendland. Alle anderen erwartet hier ein Roman der Extraklasse des kürzlich verstorbenen portugiesischen Literaturnobelpreisträgers.
Dabei ist der Titel durchaus wörtlich zu nehmen, denn der Plot des Romans dreht sich rund um die Lebensgeschichte des Jesus von Nazareth beginnend mit seiner Zeugung bis zur Kreuzigung. Berichtet wird die Geschichte aus Sicht des für Saramagos typischen allwissenden Erzählers, der sich mit ironisch-süffisanten Bemerkungen nicht zurückhält. Und die arme gerade in den vergangenen Monaten so geplagte katholische Seele wird gleich zu Beginn des Romans zutiefst erschüttert, da hier äußerst anschaulich der Jungfrauenmythos, ein Zeichen der neurotisch-verlogenen Sexualmoral der katholischen Kirche, dekonstruiert wird: "Gott, der allenorts ist, war auch hier zugegen, doch da er ist, was er ist, rein ein Geist, konnte er nicht sehen, wie die Haut des einen die Haut des anderen berührte, wie sein Fleisch in ihr Fleisch drang [...] und sicherlich war er schon nicht mehr zugegen, als Josefs geheiligter Samen sich in das geheiligte Innere Marias ergoß" (27).
So und so ähnlich interpretiert der Roman die bekannten Geschichten aus dem Neuen Testament: Der Kindsmord des Herodes, die Jugendzeit Jesu, die so in keinem der bekannten Evangelien nachzulesen ist, seine sehr körperlich vonstatten gehende Liebesbeziehung zu Maria Magdalena und schließlich seine Zeit als Menschenfischer mit bekanntem Ausgang. Dabei gehört das Vorspiele zur Kreuzigung zu den absoluten Highlights des Romans. In einem Gespräch mit dem Teufel (!!), der mit Gott eine Einheit bildet, offenbart der Allwissende seinem Sohn die Pläne, die er für ihn vorgesehen hat: "Die des Märtyrers, mein Sohn, des Opfers, so lässt sich der Glaube noch am ehesten verbreiten und entfachen" (423). Der ziemlich perplexe Jesus, in dessen Lebensplanung ein qualvoller Tod eigentlich nicht vorgesehen war, fragt nach, wie der Herr denn auf so eine Idee gekommen sei. Diese entpuppt sich als genialer Marketingstratege und antwortet: "Die Zeiten, da man denen Gehör schenkte, sind vorbei, heute wirken nur noch radikale Mittel, etwas, das schockiert, das die Gefühle mitreißt, Ein Gottessohn am Kreuz, zum Beispiel" (430). Was denn aus diesem neuen Glauben, dem Christentum, in der Zukunft werden wird, verlangt Jesus zu wissen. Als Antwort gibt Gott etwas missmutig einen kurzen Abriss des Blutzolls, den dieser Glaube verlangen wird. Erschüttert und angewidert schleudert Jesus Gott sein persönliches Non Serviam entgegen: "Du kannst Gottes Willen nicht zuwider handeln, Nein, aber meine Pflicht ist es, dies zu versuchen" (501). Doch schon bald muss Jesus feststellen, dass er die Perfidität Gottes noch unterschätzt hat.
Fazit: Witzig, provozierend und höchstaktuell. Ein Gott, der die Vorteile eines öffentlich zur Schau getragenen Opfertodes erörtert, erinnert doch sehr an die Planer der zahlreichen Selbstmordattentate rund um den Globus. Nach Saramagos Tod am 18. Juni 2010 beschimpfte das Kampfblatt des Vatikans L'Osservatore Romano Saramago als "populistischen Extremisten". Wie so oft sagt dieses Nachtreten mehr über den Urteilenden als über den Geurteilten aus. Es bleibt zu hoffen, dass die Romane dieses großen Schriftstellers noch lange gelesen werden.