Zugegeben: Die Namen der schönen Blondinen, die mir die abendlichen TV-Nachrichten vorlesen, waren mir stets schnuppe, und es gibt unterhaltsameren Show-Bizz als unsere Talk-Shows. Ich bekenne, vor dem Rauswurf von der spätbraun gescholtenen Eva ebensowenig wie vom mutig-coolen Johannes nie etwas gehört oder gelesen zu haben. Auch der nachfolgende Medienknall ließ mich unberührt. Erst das Ergebnis zweier auffällig einander widersprechender "repräsentativer Umfragen" im Magazin der Süddeutschen Zeitung weckte mein Interesse: Weit mehr als 50 % der Bundesbürger meinten, die wichtigste gesellschaftliche Rolle der Frau liege in ihrer Verantwortung für Kinder, Familie und ein harmonisches Heim. In offensichtlichem Widerspruch dazu verurteilten aber ganze 75 % der Bundesbürger Hermans "Eva-Prinzip" als "falsch und überholt" - und applaudierten sogar der fristlosen Kündigung ihres Arbeitsverhältnisses beim NDR:
Was bedeutet überhaupt ihr "Eva-Prinzip", was macht es so brisant? Und: Wie steht es mit dem Grundrecht der freien Meinungsäußerung, wie mit unserer Pressefreiheit, die - so unser höchstes deutsches Gericht - auch überzeichnete, gar extreme Äußerungen ermöglicht und vor obrigkeitlicher Maßregelung schützt, wie steht es mit dem arbeitsrechtlichen Kündigungsschutz angesichts eines fast 20-jährigen Dienstverhältnisses, kurzum: das Buch mußte her und war sogleich gelesen.
Bereits während der Lektüre trafen mich zahlreiche ablehnende, von Männern auch über das weibliche Geschlecht witzelnde, selten neugierige Kommentare meiner Mitmenschen,. Gelesen hatte das Buch niemand, wenige hatten die Hinauswurf-Show gesehen. Nach einigen Kapiteln konnte ich mich zum Inhalt äußern und befand mich unversehens immer wieder in einer Debatte über Emanzipation, Karriere, Mutterschaft, Kinder und Lebensglück - das Thema ist virulent wie selten zuvor. Meinem dann aufkeimenden Gedanken, der Hinauswurf könnte nur ein PR-Gag für die Verkaufszahlen des Buches gewesen sein, machte die weitere Lektüre alsbald ein schnelles Ende.
Ich erkannte: Hier schreibt ein Mensch in der Mitte seines Lebens sehr subjektiv, aber ehrlich bemüht. Ein Mensch, der auf dem Gipfel einer langen Traumkarriere steht, der viele Jahre Arbeit rund um die Uhr hinter sich hat, sich bislang ausschließlich über seinen Beruf definiert hat, dort allseits uneingeschränkt Anerkenung gefunden hat, ja, vom Publikum mehrmals zur beliebtesten Moderatorin Deutschlands gekürt worden war. Dieser Mensch stellt nun die Fragen, die er bislang nicht stellen konnte, etwa nach dem gesellschaftlichen Sinn seines Lebens oder der Bedeutung privaten Lebensglücks. Dieser ein halbes Jahrhundert auf diesem Planeten lebende Mensch - das Geschlecht ist zunächst gar nicht relevant - fragt rückblickend kritisch, ob er heute hinter seinem bisherigen Leben stehen kann, das beruflich ohne jeden Misserfolg, privat allerdings nicht so erfüllend verlaufen ist. Letztere Erkenntnis macht ihn unzufrieden, frustriert ihn. Er versucht, anders als viele in ähnlicher Erkenntnissituation, Ursachen herauszufinden, analysiert eigene und fremde Erfahrungen, fragt anerkannte (namentlich bezeichnete) Wissenschaftler und plädiert schließlich für eine Verhaltensüberprüfung und -änderung in allen gesellschaftlichen Institutionen. Das beste ist, er will eine breite Öffentlichkeit an den Erfahrungen seines herausragenden Lebens teilhaben lassen. Er will die Öffentlichkeit damit konfrontieren, zur Diskussion anregen, ja möglichst im Interesse seiner Mitmenschen, gleich welchen Geschlechts, erreichen, dass diese das, was ihn unglücklich macht, was er retrospektiv anders gemacht hätte, nicht unreflektiert wiederholen bzw. erleiden müssen.
An manchen Stellen könnte zwischen den Zeilen auch eine Entschuldigung für vergangenes eigenes Fehlverhalten oder ein Hilfeschrei stehen. Dieser Mensch ist nun zufällig eine Frau, und ihre Lebenserfahrungen und Erkenntnisse stellen die herrschenden Thesen der Emanzipation, angefangen vom "nur kleinen Unterschied" über den "anerzogenen Zwang zur Heterosexualität" bis hin zur "frühestmöglichen Säuglingsabgabe im Berufsinteresse" kritisch in Frage. Ihre Argumentation ist sachlich, wird an vielen Stellen wissenschaftlich gestützt und belegt - menschlich, natürlich, vorurteilsfrei, modern und gesellschaftlich zukunftsorientiert. Es wird auf keiner Seite des Buches die Rückkehr des Heimchens an den Herd oder die Gebärmaschine propagiert. Sie schreibt dem Frauenbild im Nationalsozialismus seitenlang ein vernichtendes Urteil (S.134 - 139), aber auch der Kleinstkinderaufzucht in der DDR.
Zitat: "Was viele nicht wissen: Unsere distanzierte Haltung zu unseren Kindern steht auch in einem direkten Zusammenhang mit einem der dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte, dem Dritten Reich. Die Theoretiker des Nationalsozialismus erkannten früh, dass die Frage der Kindererziehung höchste politische Relevanz hatte. Das beschränkte sich nicht auf die erwünschte Steigerung der Geburtenrate, die sich in der Auszeichnung mit dem "Mutterkreuz-Orden" für Frauen mit vielen Kindern ausdrückte. Es traf vielmehr die konsequente Einflussnahme auf den vormals privaten, familiären Bereich von Geburt, Mutterschaft und Säuglingspflege. Es ging nicht nur darum, "dem Führer Kinder zu schenken", sondern die Kinder so früh wie möglich nach den Maßgaben des nationalsozialistischen Menschenbildes zu formen. Betrachtet man diese ideologischen Grundlagen, wird schnell klar, dass der Hitler-Staat alles daransetzte, jeden gesellschaftlichen Bereich zu kontrollieren und jede private Nische zu vernichten, in der sich individuelle Lebensformen entwickeln konnten. Verwirklichen ließ sich das nur, indem die Gruppe, das Kollektiv, die "Volksgemeinschaft" über den einzelnen Menschen gestellt wurde, eine Ideologie, die wir auch im DDR-Sozialismus immer wieder beobachten konnten. Damit wurden Kinder zum Politikum. Um ihre Erziehung zu nationalsozialistischen Bürgern zu gewährleisten, solten sie der elterlichen Fürsorge so früh wie möglich entzogen werden. Es gab nur ein Problem: die emotionale Bindung der Eltern an ihre Kinder. "
Sie setzt dann fort, wie perfide der Nazi-Staat versuchte, diese Bindung systematisch zu zerstören.
"All das klingt heute erschreckend, die politischen Folgen sind bekannt." (S.144).
Jeder, der Eva Herman die sachliche Diskussion verweigert und sich auf das braune Totschlagargument, das ihre öffentliche Hinrichtung durch Kerner zur Folge hatte, beschränkt, hat das Buch nicht gelesen und hat fairen Widerspruch verwirkt, er argumentiert auf der Ebene von Goebbels und von Schnitzler.
Eva Hermans im einzelnen belegte Erlebnisse und Folgerungen daraus - das Eva-Prinzip genannt - lauten sehr verkürzt: Der Feminismus beruht ideologisch auf der Marxschen These, Menschsein definiere sich ausschließlich aus Arbeit und Beruf Eine These, die sich zwischenzeitlich als überholt erwiesen habe. Männer und Frauen sind gleichwertig, aber nicht gleich. Partnerschaft soll die Vorgaben der Natur nicht unterdrücken, sondern darauf aufbauen. Mancherlei Dinge kann Frau eben besser als Mann, bei anderen ist es umgekehrt. Jeder Mensch soll herausfinden dürfen, welche Lebensform er für sich wünscht und diese auch frei von staatlichen oder gesellschaftspolitischen Vorgaben leben dürfen, ohne diskrimiert oder lächerlich gemacht zu werden. Gefordert wird mehr staatliche und gesellschaftliche Toleranz gegenüber solchen Lebensentscheidungen, weg von gesellschaftlichem Einheitsdenken. Jede Frau soll ohne feministische Denkvorgaben aus Schule, Medien oder Politik ihre eigene Lebensplanung unbeeinflußt, ggfs. in Abstimmung mit ihrem Partner, entscheiden, egal ob sie kinderlos Karriere und Unabhängigkeit bevorzugt, ausschließlich in ihrer Familie ihr Glück, Lebensfreude und -erfüllung findet oder beides kombinieren will. Für die Zukunft unserer Gesellschaft hält sie persönlich aufgrund einer detaillierten Auseinandersetzung mit dem eigenen Leben allerdings eine Entscheidung der Frau zugunsten der Familie für vorteilhafter, zumal sie dies aufgrund ihrer biologischen Vorgaben besser als ein Mann kann.
Das Buch stellt diese Thesen argumentativ nachvollziehbar dar. Es ist der ernsthafte Versuch einer Problemlösung, die Schäden von unseren Nachkommen abwenden will, indem sie die bestausgebildete Frauengeneration aller Zeiten zu Kritikfähigkeit gegenüber eigenem Verhalten auffordert. Ihre Thesen finden schließlich sachlich breite Zustimmung im Volke (zum Unwort des Jahres 2007 ist soeben mit großer Mehrheit der Begriff "Herdprämie" gewählt worden, mit dem Frauen diskriminiert werden, die ihre Kinder zu Hause aufziehen wollen und einen Krippenplatz ablehnen). Gleichwohl hat die Verfechterin solcher Ansichten den Zorn aller Nur-Karrierefrauen und Emanzen, die im Volke gerade nicht zur schweigenden Mehrheit zählen, auf sich gezogen. Alice Schwarzer, Thea Dorn, Desiree Nick, Iris Radisch und unsere ideologischen Meinungswächter beiderlei Geschlechts haben prompt reagiert. Sie tun ihrer Geschlechtsgenossin bitter Unrecht: Denn diese hat in bester Absicht für die Zukunft unserer Menschen unter höchstpersönlicher Lebenskritik zum Nachdenken aufgefordert - nicht mehr und nicht weniger - und ohne Nazipropaganda.
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