Eine Einladung im "Eulenhaus", dem Landsitz von Lady und Sir Angkatell... Die vorgesehenen Gäste sind einander längst nicht so wohlgesonnen, wie manche von ihnen glauben, und wie es bei Agatha Christie der Brauch ist, sind sie alle mehr oder weniger skurril -- very british skurril. Nur der ebenfalls eingeladene Monsieur Poirot fällt ein wenig aus der Reihe, denn er ist bekanntlich ein belgischer Skurriler. Und außerdem weiß der Leser: Wo Monsieur Poirot auftaucht, muss man nicht lange auf das Mordopfer warten... So auch hier -- und doch ist "Das Eulenhaus" kein typischer Poirot-Krimi. Und zwar nicht nur, weil der Meisterdetektiv diesmal keiner versammelten Zuhörerschar (sofern noch nicht ermordet) am Ende den Bösewicht vorstellt. Wer schon andere Krimis von Agatha Christie gelesen hat, dem wird's auffallen: Erst einmal lernt man die Wochenendgäste der Angkatells gründlicher kennen als gewohnt -- samt ihren biographischen, psychologischen und aktuellen Abgründen, die jeweils hinter ihrer harmlosen Fassade verborgen sind.
Dass das keine langweilige Angelegenheit wird, dafür sorgen nicht nur die verschiedenen Perspektiven, die Agatha Christie verwendet und gegeneinander spiegelt, und auch nicht nur ihre ungewöhnlich häufige Verwendung von Motiven aller Art. Für die gute Unterhaltung sorgt vor allem sorgt ihr Sinn fürs Detail -- ob's um die vom Aufenthaltsort abhängige korrekte Damengarderobe geht, um den nahezu perfekten Butler oder um eine Frau am Steuer, deren Fahrkünste auch beim technikfeindlichsten Leser Mitleid mit ihrem Auto entlocken dürfte: Wenn sie britische Eigenarten und ältere englische Damen auf dem Lande schildern kann, dann ist diese Autorin unschlagbar mit ihrem feinen, leisen Humor. Gekrönt werden all diese feinen Beobachtungen von Lucy Angkatells höchst praktischen Überlegungen mit Bezug zum Nächstliegenden; diese Lady ist ein rhetorisches Prachtexemplar. Mein Lieblingszitat ist ihr "So ein Mord ist natürlich eine peinliche Sache -- macht das Personal fertig und bringt alle Abläufe durcheinander. Eigentlich sollte es Enten geben -- na, die kann man glücklicherweise auch gut kalt essen." Wo sie rechthat, hat sie recht...
Nach dem -- für einen Agatha-Christie-Krimi ungewöhnlich ausführlichen -- Einstieg sind aber endlich alle am Samstagabend im Eulenhaus versammelt (nur Poirot fehlt noch). Und jetzt kommt eine unvorgesehene Karte ins Spiel, bzw. eine unerwartete Dame ins Haus: Die Schauspielerin Veronica Carey, die neuerdings in der Nachbarschaft wohnt und der angeblich die Streichhölzer ausgegangen sind -- und in die vor langer, langer Zeit einmal einer der Gäste, der erfolgreiche Arzt Dr. John Christow, unsterblich verliebt war. "unsterblich verliebt" ist gut -- tags drauf, kurz bevor Poirot eintrifft, wird er erschossen. Aber von wem? Der Fall scheint einfach: Die dusselige Gattin war's. Aber war's die dusselige Gattin? Und ist diese Gattin wirklich so dusselig? Diese widerspenstigen Beweisstücke allüberall raunen "nein", und die Ermittlungen beginnen von vorne. Poirot schnüffelt und denkt, stößt selbstverständlich auf allerlei Seltsames -- und wird den Verdacht nicht los, dass allen anderen außer ihm längst klar ist, was an jenem Sonntagmittag wirklich geschehen ist.
Übrigens nimmt Agatha Christie selber in ihrer Autobiographie "
Meine gute alte Zeit" diesen Krimi (der ihrer Ansicht nach "mehr ein Roman als eine Detektivgeschichte" ist) kritisch unter die Lupe: "Überdies hatte ich immer das Gefühl, das Buch damit verpfuscht zu haben, daß ich Poirot als handelnde Person einfügte. Ich war daran gewöhnt, Poirot in meinen Büchern zu haben, und so hatte ich ihn auch bei 'Das Eulenhaus' dabei, obwohl er da eigentlich gar nicht hingehörte. [...] Ohne ihn [...] wäre das Buch besser geworden". Wo sie rechthat, hat sie recht. Anstelle von Hercule Poirot hätte auch ein Dorfpolizist am Ende alles aufklären können. Zumal, da Poirot diesmal nämlich längst nicht der erste ist, der dem Täter auf die Schliche kommt... Wenn Sie, verehrter Leser, sich die herzige Lucy Angkatell zum Vorbild nehmen und ebenso unbekümmert querbeet denken, dann kommen sie diesmal auch auf die Überholspur und wissen bald, wer's war.
Ob "Das Eulenhaus" tatsächlich nicht nur ein unterhaltsamer Krimi, sondern auch ein gelungener psychologischer Roman ist? Nu, das bezweifle ich, auch wenn die Autorin anscheinend anders darüber dachte, oder wenigstens anderes vorhatte. Das bedeutet freilich nicht, dass Agatha Christie eine zweitklassige Autorin wäre. Aber viele andere Autoren haben die Messlatte jenes Genres doch ein klein wenig zu hoch gelegt, als dass "Das Eulenhaus" ohne Stehleiter drüberkäme. Aber was soll's.
Das macht nämlich nicht viel aus, denn allein schon die skurrilen Charaktere samt ihren Begleiterscheinungen garantieren eine richtig gute Unterhaltung. Ganz zu schweigen von der eigenwilligen Krimi-Handlung.