Das Buch beruht auf Texten von Hermann Argelander aus den 1960er Jahren zum psychoanalaytischen Erstinterview und ist mittlerweile ein Klassiker zur Behandlungstechnik geworden. Im Zentrum steht der analytische Ansatz, die eigene Person zu einem umfassenden Diagnose- und Therapieinstrument zu machen. In Bezug auf das Erstinterview heisst das: Schon im Erstgespräch auf die Dynamik von Übertragung und Gegenübertragung zu fokussieren und alle "Vorfeldaktivitäten" (Kontaktaufnahme, Einstellung zur Krankheit, etc...) unter diesem Aspekt zu interpretieren. Argelander unterscheidet drei Arten von Erstinterviews: Das diagnostische Interview, in dem es um die Eignung für eine psychoanalytische Therpaie geht, das therapeutische Interview, in dem es um eine einmalige Intervention geht, bei der der Beratungsaspekt im Vordergrund steht und das Notfallinterview, in dem es um eine Krisenintervention geht.
Den Schwerpunkt bilden Überlegungen zum diagnostischen Interview. Hier geht Argelander auf die verschiedenen Informationstypen ein (objektive Informationen, subjektive Informationen und sogenannte "szenische Informationen"). Von besonderer Bedeutung für Argelander sind die szenischen Informationen, d.h. die Elemente des Prozesses selbst. Wichtig bei der Szene ist nicht, WAS (bewusst, inhaltlich) als Problem präsentiert wird, sondern WIE sich das Problem (unbewusst, formal) durch Handlungen, Eigentümlichen selbst in Szene setzt, also in-szen-iert. Zur Szene gehören auch all die Reaktionen des Therapeuten. Dahinter steckt das Konzept der Gegenübertragung, nämlich die Idee, dass die Störung des Patienten beim Therapeuten gewisse Reaktionen induziere und dass der Therapeut durch die Beobachtung dieser bei ihm induzierten Reaktionen auf die Problematik des Patienten rückschliessen könne. Der Umgang mit der Szene wird an Hand zahlreicher Beispiele erklärt und illustriert.
Einen weiteren Schwerpunkt bildet die Vorbereitung des Erstinterviews. Hier geht es um Themen wie die "Technik des Vorfeldes", die "Vorbereitung der situativen Bedingungen", die Einnahme einer bestimmten Gesprächshaltung und die eigentliche Durchführung des Erstinterviews. Es geht also darum, wie die "Szene" im Erstinterview gestaltet und gedeutet
wird. Die Gestaltung und Deutung der "Szene" ist natürlich nicht dem Erstinterview vorbehalten, sie bildet vielmehr das Kernstück analytischer Tätigkeit. Das kann man sehr schön in Argelanders Fallstudie "Der Flieger" nachlesen. Diese Fallgeschichte ist zeitlich nahe zu den eher theroretischen Überlegungen des Erstinterviews geschrieben worden und greift viele der hier vorgestellten Themen auf. Sie ist somit eine ideale Ergänzung zu diesem Buch.
Nicht verschwiegen werden soll, dass Argelander Übertragung und Gegenübertragung sehr konventionell, sehr orthodox denkt. Bei ihm ist der Analytiker gewissermassen ein reiner und idealer Resonanzkörper, der durch die Lehranalyse von allen Eigenschwingungen gereinigt wurde und nur noch die Pathologie des Patienten wiedergibt. Die Gegenübertragung wird von ihm zu einem Analogon des "klinischen Blicks" verklärt. Die ganze Problematik von Verzerrungen des analytischen Prozesses und von fehlerhaften Deutungen auf Grund von Eigenanteilen in der Gegenübertragung wird nicht einmal angeschnitten. Wenn Interesse, Empathie und Akzeptanz zu den erwiesenen Wirkfaktoren der Therapie gehören, dann bleibt auch völlig schleierhaft, wieso eine Stilisierung des Analytikers zum "Kliniker des Psychischen" irgendwie heilsam für den Patienten sein sollte. Vielleicht ist sie bloss heilsam für das analytische Selbstbild und für die Vertragsverhandlungen mit den Krankenkassen.
Trotzdem: Das Buch ist eine exzellente Einführung in das therapeutische Erstinterview und es macht sensibel für die vielen Dimensionen des "szenischen Geschehens".