Kurzbeschreibung
Der Puppenspieler Meginhard folgt Karl dem Großen auf seinem Heereszug gegen die heidnischen Sachsen, um die Mörder seiner Mutter zu finden. Dort trifft er Gisela wieder, seine lang verloren geglaubte Gefährtin. Doch Meginhard kann nicht lieben, solange der Hass in ihm brennt. Und so lässt er sich auf eine gefährliche Verschwörung gegen Reich und Krone ein. Ein fesselndes historisches Drama!
Der Verlag über das Buch
Über den Autor
Auszug aus Das Erbe des Puppenspielers. von Maren Winter. Copyright © 2007. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Ich glaube nicht, dass ich, Meginhard, ein Künstler bin, noch dass ich jemals einer war. Weder der Heilige Geist noch ein Teufel hat je aus mir gesprochen. Das kann ich bezeugen, denn alles, was ich tat, habe ich selbst entschieden. Jeder Mensch bestimmt allein über seine Taten; selbst Hexen und Zauberer handeln eigenständig, und auch unsere guten Mönche werden von keiner Vorsehung gelenkt. Ich behaupte das ohne Furcht, denn mich plagt keine Sorge um mein Seelenheil; ich wünsche mir kein Leben nach dem Tode. So viele Wunder habe ich gesehen, so viele schuf ich selbst, und nun bin ich müde zu glauben.
Auch Euch Richter fürchte ich nicht, die Ihr Ehrlichkeit verlangt und einen Meineid fordert. Ich werde niemandem Rechenschaft ablegen außer mir selbst, denn es gibt keinen Menschen, keinen Geist und keinen Gott, der in meine Seele eindringen könnte.
Jetzt fürchte ich nur noch das Schwinden meiner Kraft, die ich so dringend brauchen werde, falls Ihr Euch entschließen solltet, mich freizugeben. Noch zittern die Spieler vor meinem Urteil und buhlen um meine Gunst, denn noch kann meine Stimme sich erheben und mein Haar als dunkel gelten, wenn es auch mit grauen Flecken gemustert ist. Schon lange leugne ich die Schmerzen in meinem Rücken, in der Nacht flieht mich der Schlaf, und während der Darbietungen überfällt mich unentrinnbare Müdigkeit.
Doch ich kenne die Spieler und brauche nicht zu sehen, was sie tun. Wahllos zitiere ich sie zu mir, rüge sie ob ihrer Trägheit und gräme mich über ihr Unvermögen, bis sie ihre Blicke in die Erde bohren und jede Strafe auf sich nehmen, die ich, Meginhard, ihnen zu meiner eigenen Bequemlichkeit auferlege.
Denn die Menschen wollen geführt werden. Ist der Herr freundlich zu ihnen, verwandeln sie sich in unersättliche Bestien und machen ihm das Leben zur Hölle. Ist der Herr schwach, lassen sie ihn im Graben liegen und geifern nach seiner Habe. Bedient er sich aber ärgerer Hand, ist ungerecht und grob, dann vertrauen
sie ihm, sind glücklich unter seinem Schutz und gehorchen gern. Und die Menschen wollen betrogen werden. Sie fürchten den Wandel, da er sie frei machen könnte. Sie fürchten die Freiheit, da sie selbst entscheiden müssten. Sie fürchten sich zu entscheiden, da sie irren könnten. Schafe sind sie und folgen dem, der eindrucksvoll zu blöken versteht. Sie ducken sich vor Drohungen und gieren nach armseligen Vergünstigungen. Die Könige ebenso wie die Knechte.
Weil sie sich so ängstigen, küssen sie jedem die Hand, der ihnen zukünftiges Heil verspricht.
Darum habe ich alle Talente genutzt, die mir zur Verfügung stehen, und ich tue es noch. Ich bin niemandem Dank schuldig für diese Talente, denn ich selbst habe sie gefördert und gepflegt.
Sie machten mich zu dem, was ich jetzt bin.
Ich bin der Herr über die Darsteller.
Ich bin der Herr über die Hölle und das Himmelreich.
Ich bin der Herr über Glück und Elend aller Menschen, die mir zusehen.
Ich bin Tockenspieler.«
SACRAMENTALE QUALITER PROMITTO EGO
In einem heiligen Eid verspreche ich
Ich war noch klein, als Mutter uns verließ.
Ein Versteckspiel, hatte sie gesagt, und mich in die Vorratskammer gestoßen. Wenn ich mich still verhielt, würde ich Honig bekommen. Der Verschlag war dunkel, aber durch eine Ritze konnte ich die Hütte überblicken. Rötlicher Schein von der Feuerstelle flackerte über unsere zerstreute Habe. Auf den Steinen davor hatte Mutter sich eben noch die Füße gewärmt.
Jetzt lag sie rücklings im Stroh, und ein Blutfaden sickerte in ihr Haar. Einer der Krieger stand breitbeinig neben ihrem Kopf. Seine Stiefel reichten ihm bis über die Knie, und an seinem Gürtel baumelte die leere Scheide. Blonde Wellen umrahmten sein Gesicht, und um den Helm trug er einen metallenen Reif, der gleißte und blendete.
Die Spitze seines Schwertes machte eine kleine Delle in Mutters Hals. »Diese Klinge ist berühmt, wusstest du das? Sie heißt Durendal und ist sehr durstig. Falls du noch länger schweigst, wird sie dein Blut trinken.« Er schob die Schneide unter Mutters Tunika. Ein leichter Ruck, und der mürbe Stoff zerriss. Der Ritter trat einen Schritt zurück und betrachtete sein Werk. »Los, Meginher, du bist dran. Bring sie zur Vernunft, du hast dich oft genug deiner Erfolge bei den Weibern gebrüstet.«
Meginher beugte sich so weit vor, dass ich ihn sehen konnte. Seine roten Zöpfe baumelten über Mutters Haut. Er hielt sich nicht damit auf, die Handschuhe auszuziehen, sondern wischte den Stoff zur Seite und stieß seinen Finger in ihren Unterleib. Sie schrie, und ihr Körper bäumte sich auf. Mit Wucht trat er in ihre Lende.
Mutter krümmte sich zur Seite. Ihr Blick huschte für einen Moment zu mir in den Verschlag.
Nur nicht hinsehen.
Das viereckige Stück Himmel in der Tür war schon fast schwarz gefärbt. Die Sterne verschwammen vor meinen Augen und streckten lange Spitzen aus. Ich blinzelte, um die Tränen wegzudrücken, und umklammerte die glänzende Fibel, die Mutter mir zum Spielen um den Hals gehängt hatte.
»Lass sie los.« Die Stimme klang ruhig, fast sanft. Sie gehörte einem hoch gewachsenen Mann, den die anderen Gerrich nannten. Er lehnte an der Wand und knetete unablässig seine weißen Finger. »Warum leugnest du, dummes Weib? Alle wissen, dass Karlmann bei dir war.«
»Bitte lasst mich. Mein Sohn wurde viel früher geboren, als man Euch erzählt hat. Ja, er ist ein Bastard, aber was soll ein Bauernmädchen tun, wenn es den Herren nach ihm gelüstet.«
Gerrich kam näher, griff Mutter am Kinn und zog ihren Kopf in die Höhe. Seine Finger quetschten ihre Wangen, so dass ihre Lippen sich wie ein Fischmaul nach vorne schoben.
»Mir ist es gleich, mit wem du dich im Stroh gewälzt hast. Aber jetzt rüsten Franken gegen Franken. Karlmann muss sterben und mit ihm seine Brut. Überlasse uns den kleinen Bastard, dann soll weder dir noch deinem Ältesten ein Leid geschehen.«
An meinen Beinen rann Flüssigkeit hinab.
Wollten sie denn mich?
Niemals hatte sich irgendjemand für mich interessiert. Wenn nach jemandem verlangt wurde, dann nach meinem Bruder, nach Ansgar mit seinen harten Muskeln und dem widerborstigen Strohhaar. Ansgar, den die Nachbarjungen fürchteten und gleichzeitig verehrten. Ansgar, der mich beschützte, wenn meine vorlaute Zunge schneller gelaufen war, als meine Beine rennen konnten. Wenn er allerdings gezwungen wurde, mich auf seine Streifzüge mitzunehmen, ließ er keine Gelegenheit aus, mich zu puffen und zu stoßen, aber das war sein Recht, denn er zählte mindestens zwei Sommer mehr als ich.
Mutters Stimme wurde schrill. »Ich schwöre, ich habe nur einen Sohn, und der stammt von einem Lehnsherrn aus dem Norden ...«
Es roch nach scharfem Schweiß und nach Erregung. Ich konnte Gerrich in die Augen blicken, als er über sie stieg. Das missfällige Gesicht schwappte auf mich zu. Ganz deutlich zeichneten sich seine hochgezogenen Unterlider ab, die Falte an seinem Mundwinkel, die Zunge in der blasigen Höhle.
Dann wich er wieder zurück, und verschwamm.
Kam mir entgegen, wich zurück ...
Ich drückte den Kopf zwischen die Knie. Wenn ich mich ruhig verhielt, würde ich Honig bekommen, das hatte Mutter versprochen.
Ihr Stöhnen klang wie aus weiter Ferne.
Neben mir auf dem Regal stand der tröstliche Topf. Vorsichtig angelte ich danach, und die klebrige Süße verdrängte den Salzgeschmack auf meinen Lippen.
Als die Bauern mit meinem Bruder zurückkamen, waren die Ritter längst fort, und Mutter hatte aufgehört, sich zu wehren. Ihre Hände lagen in ihrem Schoß, so leblos und schlaff wie die Falten ihres zerrissenen Gewandes.
Da standen wir nun, mein Bruder Ansgar und ich, unmündige Burschen, die ihre Bündel an die Brust pressten und sich vor der neuen Heimat fürchteten. Weit waren wir gefahren, immer gen Norden bis an den Rand des christlichen Reiches.
Gegen den weißen Himmel erhob sich die civitas, der Fronhof von Rinhausen, ein mächtiger Bau aus Stein, umgeben von unzähligen Ställen und Scheunen, Back- und Brauhäusern. Weit breitete sich das Salland aus, dessen Erträge allein dem Fronherrn zugute kamen. Im Osten drängten sich kleine Felder mit schiefen Hütten, die ein paar Kolonenbauern ermöglichten, ihr eigenes Brot zu essen. Von der Insel im Rhein klang die Klosterglocke herüber, und wir erahnten den Gesang der Mönche, die Tag und Nacht für unser Heil beteten. Dahinter aber drohte endlos der Wald. Dort hielten sich die Sachsen verborgen.
Der Hausmeier stieß uns durch das Tor. »Wir sind zu Hause«, sagte er. Das waren die ersten Worte, die er direkt an uns richtete, nachdem er uns in seine Obhut genommen hatte.
Eine Welle lärmender Geschäftigkeit rollte über uns hinweg. Wagen polterten, Kinder liefen schreiend umher, Pferdehufe klapperten, und dazwischen stoben die Hühner auseinander. Irgendwo wurden scharfe Befehle gerufen, und in einem offenen Verschlag hämmerte der Schmied ohrenbetäubend auf das Eisen. Die Luft war kalt, voll von Staub und fremden Gerüchen.
Ansgar streckte sich, und das Muster aus Lehm und Schmutz auf seinem Hals zog sich auseinander. Seine Tunika war mürbe und die Säume aufgerissen, der Stoff bedeckte nicht einmal seine Knie. Er besaß nichts anderes, sonst hätte er mir das kratzige Ding schon längst vererbt.
Ich fror. Bestimmt sah ich genauso schäbig aus.
»Du bist kräftig«, sagte der Hausmeier zu meinem Bruder, »ich denke, dass du zupacken kannst. Fürchtest du dich vor Pferden?«
»Vor Pferden? Bestimmt nicht, Meier.«
»Gut, dann melde dich beim Stallmeister.«
Ansgar stieg das Blut in die Wangen. »Wirklich? Im Pferdestall?«
»Dort hinten das helle Gebäude, worauf wartest du?«
»Danke, Meier«, sagte mein großer Bruder und rannte los.
Der hagere Mann sah ihm nach, er lächelte sogar ein wenig. Diese Regung erstarb, sobald er sich an mich erinnerte. Sein Umhang schlotterte ihm um die Glieder, und das graue Haar sah aus, wie bei einem Vogel, der sein Gefieder sträubte. »Du kannst dir denken, dass weder der Fro noch die Frouwe einen schwächlichen Bastard durchfüttern wollen, der nicht einmal zur familia gehört.«
Beflissen schüttelte ich den Kopf.
Er starrte auf mich herab und sagte nichts.
»Ich bin nicht so schwach, wie ich aussehe, Meier, ich kann Wasser holen und Grütze kochen, ich habe auch schon Garben gebunden ...«
Keine Antwort.
»Bitte, Ihr dürft mich nicht fortschicken.«
»Vorerst dienst du in der Küche. Aber kein Wort über deine Herkunft, zu niemandem, sonst fliegst du von diesem Hof, noch ehe du blinzeln kannst.«
Was hätte ich von meiner Herkunft verraten können? Ich kannte weder den Namen meines Vaters noch den der civitas, in deren Schatten ich geboren worden war. Erleichtert verbeugte ich mich vor ihm und verharrte in dieser Haltung, bis er im Haupthaus verschwunden war.
Ratlos stand ich zwischen all den Fremden und wusste nicht, wohin ich mich wenden sollte. Zweimal versuchte ich, nach der Küche zu fragen, aber die Menschen eilten an mir vorüber, als hätten sie mich nicht gesehen.
Schließlich griff ich ein Mädchen am Ärmel. Es drehte sich um und blickte mich neugierig an. Noch nie war ich einem Mädchen begegnet, das so verdreckt herumlief. Ihre Glieder waren von oben bis unten mit angetrocknetem Lehm bekleckst, man konnte die ursprüngliche Farbe ihrer Kleider nicht mehr erkennen, und aus der verfilzten Zottelmähne bröselte Staub. Das Gesicht war streifig verschmiert, aber ihre Augen glänzten wie polierte Kastanien. Ich stammelte etwas von »Küchenjunge«, und sie brach in Gelächter aus.
»Du Mickerling willst Küchenjunge sein?«, gluckste sie.
»Ich heiße Gisela, und ich zeige dir lieber den Weg, sonst kommst du noch vor dem Essen unter die Hufe.«
Schon rannte sie los zu einem steinernen Nebengebäude. »Warte nur, in ein paar Wochen bist du fett wie Bertha.« Sie öffnete die Tür und schubste mich hinein.
Es duftete warm nach Suppe. Ein langer Tisch bestimmte das riesige Gewölbe. Hier wurden Fische geschuppt und Berge von Gemüse geschnitten.
An der Stirnseite stand der Koch, brummte Anweisungen und walkte kräftig den Teig. Seine Oberarme waberten dabei wie kalte Grütze. Ich überlegte, ob ich wohl zu ihm gehen und mich vorstellen musste. Doch da rollte aus dem dunstgeschwängerten Teil des Raumes eine Magd heran, ein mächtiges Weib, in dessen Busen man gewiss ersticken konnte. Das musste Bertha sein. Sie entdeckte mich und schob sich um den Tisch. »Wer ist das?«
»Mein Name ist Meginhard, der Meier hat gesagt, ich soll ...«
»He, Eigil!«, rief sie gellend. »Du bekommst Unterstützung. Der Bastard hier will dir das Wasser tragen.«
Sie klapste mir auf den Hintern, und ich flitzte um den Tisch herum, wo Eigil mich erwartete. Bis jetzt war er der einzige Küchenjunge gewesen, und er freute sich sichtlich, dass er einen Gehilfen bekam.
»Wer ist dein Vater?«, fragte er. Ich zuckte mit den Achseln, und Eigil grinste. »Das hab ich mir gedacht! Du trägst die Krüge, Bastard.«
Mein Name war für alle Zeit vergessen. Sie riefen »Bastard«, und ich hatte zu springen. Jeder schien das Recht zu haben, mich hin und her zu scheuchen, wie es ihm beliebte. Vor allem Bertha machte eifrig Gebrauch davon.
»So ist das nun mal«, sagte Eigil, »ein Bastard ist gerade gut genug für alles, was den anderen einfällt, er hat ja keinen Vater, der für ihn einstehen könnte. Du wirst schon sehen, wenn etwas daneben geht, hast du es getan. Selbst wenn du gar nicht in der Nähe warst, die Schuld bekommst du doch. Glaub mir, ich kenne das, und ich bin ehrlich froh, dass du jetzt hier bist, Bastard.«
Gehorsam stolperte ich durch meine Pflichten, so gut ich es irgend vermochte. Trotzdem konnte ich nicht die geringste Wertschätzung für meine Mühen erlangen. Ungeschickt, faul und dumm, nichts weiter als Dreck war ich. Nein, weniger als Dreck, denn dem wurde große Beachtung geschenkt. Immerhin schmeckte die Abendgrütze nach Milch und fetten Knochen, viel besser als ich es kannte.
Später richteten die Knechte ihr Nachtlager auf den Bänken ein, und den Mägden war der Platz am Kamin vorbehalten. Eigil und ich legten uns in eine freie Ecke. Stroh gab es nicht für uns, also streckte ich mich auf dem nackten Boden aus, schob mir mein Bündel unter den Kopf und begnügte mich mit einem Zipfel von Eigils Decke. Der Lärm an diesem Hofe ebbte niemals ab. Schnarchen erfüllte den Raum, einzelne Paare stöhnten unter ihren wollenen Tüchern, und draußen lärmten die Hunde, wenn sie die Tiere des Waldes witterten.
Die Kreuzfibel meiner Mutter baumelte noch immer an meinem Hals. Wie lange war es her, dass sie mir ihren Schatz gegeben hatte? Ich presste das kalte Metall an die Brust, bis es schmerzte, denn der Gedanke, dass es einen Abdruck auf meiner Haut hinterlassen würde, tröstete mich.
So sehr ich mich nach meinem Bruder sehnte, nach Anteilnahme oder nur danach, meinen Namen zu hören, ich fand keine Gelegenheit, Bertha zu entwischen. Es dauerte viele Tage, bis ich den Mut aufbrachte, heimlich zum Pferdestall zu schleichen.
Ansgar stand mit einer Forke in der Streu, ein eckiger Block verdichteter Muskeln, der fluchte und grimmig die Brauen zusammenzog. Die Pferde beeindruckte das nicht, sie rieben ihre Köpfe an seiner Schulter und schnaubten, wenn er sie aus dem Weg drückte.
»Meginhard!«, rief er, »das ist eine Überraschung!« Er warf die Gabel beiseite und kletterte mit mir auf den Heuboden. Kichernd zogen wir die Leiter hoch.
»Wo steckst du, fauler Sack?«, hörten wir aus der Tiefe. »Was wird aus dem Mist?«
Ich krabbelte zu Ansgar und flüsterte: »Soll er seinen Mist doch fressen, wenn er ihn stört.« Wie konnte ich ahnen, dass Ansgar meine Worte sofort lautstark nach unten weitergeben würde.
Der Stallmeister bellte vor Wut. »Wenn du nicht augenblicklich herunterkommst, wirst du meine Peitsche kennen lernen.«
»Ansgar, wir treffen uns lieber ein andermal. Du solltest gehorchen, bevor er seine Drohung wahr macht.«
»Sei nicht so ein Unglückshäher. Der beruhigt sich schon wieder, ohne mich würde er ja an seinem Mist ersticken.«
Mein Bruder kümmerte sich nicht weiter um die Verwünschungen des Stallmeisters, sondern wühlte seelenruhig nach einem Krug mit starkem Bier, den er im Heu versteckt hatte. Er nahm einen großen Schluck und streckte mir das Gefäß entgegen. Aber ich war unruhig. »Lange kann ich nicht bleiben, ich mache sowieso alles falsch, und wenn sie merken, dass ...«
»Man wird dir schon nicht den Hals umdrehen.« Er trank noch einmal und zog mich an seine Seite. »Immerhin leben wir jetzt im Hause eines mächtigen Fro, wenn sein Land auch schlammig ist und der Himmel darüber ewig grau. Auf jeden Fall haben wir hier mehr Gelegenheit, seine Gunst zu gewinnen, als wenn man uns auf die Felder geschickt hätte.«
»Gewiss, Ansgar, ich sage dir Bescheid, falls er sich in die Küche verirren sollte. Sogar die Frouwen kommen nur ganz selten ins Küchenhaus, und dann sprechen sie natürlich nicht mit mir. In ihrer Gegenwart muss ich den Kopf gesenkt halten, da kann ich höchstens versuchen, sie an den Füßen zu unterscheiden. Oder ich merke mir lieber ihren Wohlgeruch, besonders den der Tochter Hadelinda.«
Ansgar lachte. »Mit mir sprechen sie gottlob auch nicht, ich würde mir wohl vor Aufregung ins Hemd pissen. Ja, ich weiß, Hörige haben keine Ehre im Leib, und von einem Bastard ist schon gar kein Anstand zu erwarten, mit solchem Gesindel gibt man sich nicht ab. Aber die Krieger sehen jeden Tag, dass ich mit Pferden umgehen kann. Wenigstens den Knappen könnte auffallen, dass ich noch nie im Schlamm gelandet bin. Blinde Hohlköpfe allesamt. Ich werde wohl einen von ihnen verprügeln müssen, damit sie mich bemerken. Wenn ich nur einmal Schwert und Schild tragen dürfte, glaube mir Meginhard, sie hätten kein leichtes Spiel mit mir.«
»Sei lieber froh, dass du nicht kämpfen musst. Bertha sagt, dass Franken gegen Franken rüsten. Außerdem treiben sich hier im Norden Sachsen herum. Du willst doch nicht ernsthaft gegen die Heiden ziehen.«