Das Interessante an diesem Roman ist, dass er seine Aufmerksamkeit den beiden Ehefrauen Heinrichs schenkt, denen historisch bisher weniger Bedeutsamkeit zugemessen wird, als z.B. seinen ersten beiden Gemahlinnen Katharina von Aragorn oder Anne Boleyn (die noch Hauptantagonistin im Vorgängerbuch "Schwester der Königin" war).
Das Hauptaugenmerk liegt auf Ehefrau Nr.4, Anna von Kleve, die aus Düsseldorf anreist, um Heinrich nach dem schnellen Tod von Ehefrau Nr.3, Jane Seymour, das Eheversprechen zu geben. Der König, mittlerweile hässlich und unansehnlich geworden, wird mit der vermeintlich bideren Deutschen aber nicht warm und so wendet er sich der kleinen Hofdame Katherine Howard zu, ein im Gegensatz zu Anna fröhliches, aber doch reichlich naives Mädchen, das bald zu Ehefrau Nr.5 werden soll.
Der Roman behandelt den Aufstieg und Fall dreier Frauen aus der Tudor-Zeit, die historisch oft kritisch beäugt oder vorurteilsbelastet sind: Während Anna oft als bider und unattraktiv gehandelt wird, wird Katherine Howards Schicksal oft mit "Pech wegen eigener Dummheit" abgetan. Die dritte Frau, die in diesem Buch eine Rolle spielt, ist Jane Boleyn bzw. Lady Rochford, Anne Boleyns Schwägerin, die mit ihren Lügen den Tod Annes und ihres eigenen Mannes befördert haben soll.
Philippa Gregory bedient sich gelungener stilistischen Mittel, um mit den Vorurteilen gegen diese 3 Frauen aufzuräumen:
Die Geschehnisse im Buch werden von Kapitel zu Kapitel abwechselnd aus der Ich-Perspektive der drei Protagonistinnen reflektiert, deren Charaktere allesamt sehr unterschiedlich ist. Das erlaubt dem Leser, das Geschehene nicht nur aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu bewerten, sondern sich auch in die Gefühlswelten der Frauen einzufühlen:
- Anna von Kleve erzählt dabei kühl und sachlich, oftmals schon unterkühlt.
- Katherine Howards Berichte lesen sich wie Tagebucheinträge eines naiven Mädchens, ihrem Alter gemäß. Sie erzählt sehr schwärmerisch, mit Hauptaugenmerk auf ihren Vorteilen und dem Materialistischen.
- Jane Boleyn reflektiert das ganzen aus einer ängstlichen, besorgten, nervösen Perspektive.
Das bringt nicht nur Vielfalt hinein, sondern ermöglicht es, sich mit den Charakteren zu identifizieren. Jedoch bleibt dabei leider nicht aus, dass viele Ereignisse sich überschneiden und mehrmals erläutert werden, was mit der Zeit etwas dröge werden kann.
Der Vorgänger dieses Romans ist "Schwester der Königin" bzw. "The Other Boleyn Girl", welches auch gleich mehrmals verfilmt worden ist. Dieser Anschlussteil kann allerdings gelesen werden, ohne den Vorgänger zu kennen.
Sprachlich ist der Roman nicht allzu anspruchsvoll, was durch seine anderen stilistischen Mittel aber kompensiert wird (Stichwort Erzählperspektiven).
Etwas schade finde ich dagegen, dass Jane Seymour (Ehefrau Nr.3) nahezu übergangen wird, sie fand nur eine kleine Erwähnung im Vorgängerroman und ist hier bereits verstorben. Ihre Familie, die Seymours, werden in diesem Buch auch aus allen 3 Perspektiven eher defizitorentiert betrachtet, so dass man den Eindruck bekommt, die Autorin möge Jane nicht besonders gerne.
Hat man sich zuvor "Schwester der Königin" zu Gemüte geführt, fällt es etwas schwer, sich mit Jane Boleyn auseinander zu setzen, die dort nicht wirklich gut wegkommt. Diese betont hier immer wieder, wie sehr sie ihren Mann und ihre Schwägerin Anne geliebt habe, was die Ereignisse in "Schwester der Königin" doch etwas auf den Kopf stellt.
Weiterhin unverständlich sind mir einige historisch inkorrekte Ausschmückungen: Jane Boleyn und ihr Ehemann hatten keinen Sohn - da dieser ohnehin keine Rolle im Buch spielt, verstehe ich nicht, warum er dann unbedingt erwähnt werden muss. Diese Dazudichtung hätte man getrost auslassen können.
Katherine Howard war auch nicht für ihre Schönheit bekannt, sondern für ihren Charme und die Mutter Anna von Kleve bevorzugte ihre Tochter Anna anstatt sie - wie in diesem Roman - grausam zu behandeln. Somit wurden zu Unterhaltenszwecken einige Fakten dazu addiert, derer es allerdings überhaupt nicht benötigt hätte, um ein falsches Bild dreier Frauen geradezubiegen.