"Das Erbe des Blutes" steht in der großen Tradition großer Südstaatenepen, Sittenbilder, Familienfilme à la "Giganten". Obwohl er im Jetzt (also Ende der Fünfziger) spielt, erscheint sein Mikrokosmos wie eine eigene Welt in einer eigenen Zeit, die Regisseur Vincente Minnelli kritisch, aber nie nur anklagend, sondern sehr bewegend und vielschichtig porträtiert. Gutsbesitzer (und damit die oberste lokale Autorität statt des Sheriffs) Wade Hunnicutt (Robert Mitchum) kümmert sich um seine Besitztümer, seine Autorität und seinen Ruf - nun ja, jedenfalls so, wie er meint, einem guten Namen Respekt zu verschaffen. Dass er mit jeder Frau des Ortes schläft, verschafft ihm bei gewissen Leuten einen zweifelhaften Respekt als "toller Hecht", wird aber auch eine der vielen durch Missverständnisse ausgelösten Katastrophen in diesem an Dramatischem gewiss nicht armen Film auslösen. In dieser männerbündischen Welt inclusive allegorischer Tierjagden und fast schon heilig-ritualisierter Zelebrierung des Wildschweinbratens haben nämlich diejenigen wenig zu sagen, deren Schicksale nicht offen ausgesprochen werden dürfen. Hier sind dies die Ehefrau und ein unehelicher Sohn Wades. Gattin Hannah (die in ihren kühlen hitchcockschen Eleganz immer wunderbare Eleanor Parker) rächt sich auf ihre Weise, indem sie den Schein der Ehe aufrechterhält, aber jeglichen Versuch Wades, einander wieder näherzukommen (ja, das dürfen Sie doppeldeutig verstehen) eiskalt zurückweist. "Bastard" Raphael (der hier stark an James Dean erinnernde George Peppard) scheint sich damit abgefunden zu haben, gegenüber dem "legitimen" Sohn Theron benachteiligt und verleugnet zu werden. Theron hingegen ist eigentlich zu sanftmütig, um bei den von Wade forcierten "männlichen" Initiationsriten mitzumachen, ergeht sich aber in Übererfüllung der gestellten Anforderungen und droht daran zu zerbrechen. Bigotterie, Doppelmoral, eine heile Familie als pure Fassade, Theron als Opfer und Spielball des kalten Krieges zwischen Wade und Hannah... das alles hat fatale Folgen, wobei der Film der jungen Generation viel Raum gibt, noch den love interest "Libby" einführt und die Gefahr heraufbeschwört, dass sich alle Fehler eine Generation später wiederholen könnten...
Dieser Film ist so ungemein reichhaltig, dass ich (wohl zu Recht) mit meiner neunseitigen Rezension hier regelmäßig nicht durchdringe. Was nun folgt, kann daher lediglich ein kleiner Ausschnitt sein, der Lust machen möge, die ganze Pracht dieses Filmes zu entdecken. Wenn etwas so wunderbar ist, verschmerze ich immer gern die spartanische Ausstattung der DVD (die aber immerhin über den O-Ton sowie deutsche Untertitel und ein gutes Bild verfügt). Die Geschichte sei seinerzeit nicht gut angekommen und als Faulkner für Arme kritisiert worden. Minnelli hingegen hat an diesen seinen Film geglaubt (bei ansonsten durchaus selbstkritischer Würdigung seines Werkes). Und ich gebe ihm recht. Das komplexe Bild verschiedener Schicksale einer Familie und ihres Umfeldes spannt die ganz großen Bögen, kann aber vermitteln, wie alles auf verschiedenen Ebenen zusammenhängt: "Ehren"-Kodex und Lügen dahinter, Schein und Sein, sexuelles Verlangen und Wunsch nach Autorität (in der Person Wades), absurde Männlilchkeitsideale und Gewalt, überhaupt Gewalt: Stumme Gewalt in der Ehe zwischen Wade und Hannah als Auslöser für derangierte elterliche Erziehungsgewalt, Gewalt an den ganzen gejagten Tieren, am Ende auch an Menschen. Das Intime wirkt auf das Gesellschaftliche, das Innere auf das Äußere, das Gehabe der älteren auf die junge Generation - es sind wirklich komplizierte Irrungen, Wirrungen, Verwicklungen und Verstrickungen sowie ein paar fatale Missverständnisse. Aber es hat jede Sekunde stimmig gewirkt, wie hier alles mit allem zusammenhängt und dadurch eine ganze Gesellschaft umfassend porträtiert wird. Minnelli gelingt eine Analyse dieser Gesellschaft, er zeigt einen geschlossenen Kosmos, er zeigt jeden Winkel, jedes Uhrwerkrädchen davon. Und er zeigt das Uhrwerk selbst; man bekommt ein Gefühl dafür, dass eine zu schnelle Drehung von Rädchen A ein Erzittern des Rädchens Z auslösen kann, obwohl beide Rädchen so weit entfernt voneinander scheinen wie nur denkbar. Dieses Soziologisch-Analytische macht einen Teil der Genialität des Filmes aus.
Doch keine Sorge, allzu akademisch ist die Präsentation nicht, sondern auch etwas für Bauch und Herz, denn diese fehlerhaften, aber nie vollständig bösen Menschen in Strudeln, die sie in den Abgrund zu reißen drohen, lösen emotionale Anteilnahme aus. Neben dem durch die Bank guten Schauspielerensemble ist zu vermerken: Minnelli (das war sein Markenzeichen) riskiert eine irre Farbfotografie, bei der Rot dominiert, aber auch andere Farben auffällig und eher nicht dezent eingesetzt werden. Schauen Sie sich doch bloß einmal das DVD-Cover an: Libby in sich romantisch-sexuell öffnendem Rot, Hannah in Rosa (auch eher intim, aber der Konvention und nicht dem tatsächlichen Verlangen entsprechend), Theron in Gelb (wirkt immer etwas aggressiv und steht hier wohl für einen aufgewühlten, nicht in sich ruhenden Menschen) und Raphael in einem ruhigen, mit der Weite der schönen Natur besser harmonierenden Blau. Auch die Orte setzt Minnelli entsprechend ein. In einem schwefeligen Sumpf, in dem es genauso brodelt wie bei den Gefühlen des noch nicht gefestigten Theron, dominieren Gelb und Grün in einer wirklich giftig wirkenden Mischung. Im Jagdzimmer Wades dominieren Dunkelrot (Blut? Der getöteten Tiere? Wichtig für das nicht zu verratende Ende!) und konventionelles Braun, und allein dieses Bild, wie Wade Theron dort "zum Mann machen" und ihm das Schießen beibringen will, ist den Kauf der DVD wert. Wade mit seinen drei Jagdhunden in einem niedrigen Sessel am Kamin, umgeben von Trophäen (nein, diesmal nicht den Frauen des Ortes, sondern den geschossenen Tieren, was für ihn zugegebenermaßen kaum ein Unterschied ist), den Fuß auf den Kopf eines erlegten Bären gestützt: Da inszeniert Wade sich selbst als Teil eines Bildes, da wirkt er wie ein Mann, der noch einmal seinen ganzen Stolz auffahren will, aber in einer seltsam widersprüchlichen Haltung den Sohn gleichzeitig zu sich bittet und Angst erweckt. Ehr-Furcht ist schon ein herrlich ambivalentes Wort, und Minnelli findet ein starkes Bild dafür. In diesem Jagdzimmer wird am Ende etwas Tragisches passieren, und ganz zum Schluss wird uns sogar ein Gegenstand in tiefem Rot gezeigt, der das in der Realität nun wirklich nicht wäre. Das ist ohne Spoiler schwer zu erklären, aber dieses Rot des Schlussbildes hat mir bedeutet: Rot ist Blut ist Leben, und die Hoffnung ist noch nicht ganz verloren. Rätselhaft? Dann gucken Sie doch einfach diese Film!