Ich kenne das Enneagramm schon seit ca. 10 Jahren, aber aus einer weniger detaillierten Quelle. Dieses Buch dagegen hat meine Lebenseinstellung ziemlich verändert und die Art, wie ich meine Mitmenschen einschätze, stark beeinflusst und auch erleichtert. Trotzdem einige Kritikpunkte:
1) Rohr und Ebert nennen zur besseren Erläuterung zu jedem Charaktertyp einige Beispiele, zum Teil Menschen, die selbst gekannt haben. Ich halte es aber für zweifelhaft, das auch zu tun mit Personen, die man NICHT persönlich gekannt hat. Man kann sich nun darüber streiten, ob z.B. Marilyn Monroe eine Vier mit starkem Dreier-Flügel war oder eine Sechs in der Dreier-Falle; das könnte sie am ehesten beurteilen, kann es aber nicht mehr. Ähnliches gilt für Mutter Teresa; ob Zwei oder Acht, das kann man nach ihrem Tod kaum noch beurteilen. Und Shakespeare eine Vier...? Dafür hatte er manchmal eine ziemlich deftige Sprache. ;-)
2) Ähnliches gilt für die genannten Symboltiere, Symbolländer oder Heilige bzw. Schutzpatrone. Sie sollen bei der Typerklärung helfen, aber sie sind subjektiv ausgesucht und nicht jeder Typ wird sich damit identifizieren können.
3) Einige Statements grenzen an Beleidigung. Welche Sechs lässt sich wohl gerne sagen, dass es ihre Lebensaufgabe sein soll, "Hilfsarbeiten" auszuführen? Oder welche Vier wird sich gern sagen lassen, dass es ihre Aufgabe sei, die Welt zu "dekorieren"?
4) Alles in allem merkt man recht deutlich, dass Rohr und Ebert eine Eins bzw. eine Zwei sind. Sie kennen ihren eigenen Enneagramm-Typus sehr gut, können sich aber in die anderen manchmal nicht so gut einfühlen und neigen eher dazu, diese zu unter- als zu überschätzen. (Als Symbol-Heilige" für die Eins darf interessanterweise sogar die Muttergottes Maria herhalten... Nun gut, von der Idee, bei Jesus Christus habe es sich um eine "erlöste Zwei" gehandelt, sei man inzwischen abgekommen ;-)
Es gibt zwei auffallende Seltsamkeiten bzw. Widersprüche: der Stresspunkt des einen Typs ist gleichzeitig der Trostpunkt seines Stresspunkts (z.B. ist die Eins der Stresspunkt der Sieben, aber Sieben ist der Trostpunkt der Eins!) und die größte Schwäche der einen Zahl ist in der nächsten mit auffallender Intensität aufgehoben (Hauptfehler der Neun ist z.B. die Faulheit, und die Eins ist die fleißigste von allen). Das mag seine Gründe haben, aber sie werden leider nicht erklärt.
Man sollte nicht vergessen, dass es sich beim Enneagramm um eine Erfahrungstypologie handelt. Es kann auch dazu verleiten, falsche Schlüsse zu ziehen oder bei seinen Mitmenschen Dinge vorauszusetzen, die der Praxis nicht standhalten. Am besten, man liest dieses Buch und geht dann davon als Basis aus, um mit eigenen Erfahrungen und Beobachtungen mehr zu verstehen und seine Menschenkenntnis weiter zu vertiefen.