Um mich zum Thema nicht nur einseitig (im Sinne von kernenergiekritisch) zu belesen, habe ich dieses Buch von einer Autorin erworben, die immerhin für die Süddeutsche Zeitung schreibt.
Was ich dann aber gelesen habe, hat mich enttäuscht: Zwei Drittel des Buches handeln gar nicht von der Kernenergie, sondern erzählen vor allem von der Erderwärmung, Kohle und den vermeintlichen Schwächen der Erneuerbaren Energien.
Als es dann endlich um die Rolle der Atomkraftwerke beim sog. "Energiedilemma" geht, wird mit schwachen Argumenten versucht, ein starkes Fazit zu ziehen, und die Kernenergie als Klimaretter hochstilisiert. Teilweise wird dann einfach unsachlich polemisiert.
Ein paar Beispiele:
- Es werden die Pensionskosten (!) der Bergleute als Folgekosten des Stroms aus Kohle (sog. "Ewigkeitskosten") ausgemacht (S. 112). Ist das ein Argument für Atomkraft mit der ungelösten Frage der Endlagerung des auf jahrtausende strahlenden Abfalls?
- Hausbesitzer, die sich eine Photovoltaik-Anlage auf das Haus bauen lassen, werden als "Solar-Raffkes" bezeichnet (S. 127).
- Es wird das Problem des niedrigen Wirkungsgrads bei der Verfeuerung von (Braun- und Stein-)Kohle zur Stromerzeugung angesprochen (also das Verhältnis von erzeugter thermischer Energie zu gewonnener elektrischer Energie). Ein typisches Steinkohlekraftwerk (ohne Kraft-Wärme-Kopplung) hat beispielsweise einen Wirkungsgrad von ca. 43 % (s. S. 115). Es wird aber nichts darüber berichtet, dass AKWs Wirkungsgrade von 30-33% haben, was z.B. jeden Sommer im atomfreundlichen Frankreich dazu führt, dass die Kernkraftwerke runtergeregelt werden müssen, weil sich sonst die Flüsse, die zu ihrer Kühlung dienen, zu stark erhitzen würden.
- Es wird kritisiert, dass die Kosten für den Bau eines Offshore-Windkraftanlagen-Parks um gut 30 % nach oben korrigiert werden mussten - das Ganze heißt dann "Offshore-Pleite" (S. 150). In diesem Zusammenhang wird aber nicht erwähnt, dass beispielsweise der sich in Finnland im Bau befindliche Reaktor "Olkiluoto 3" seine ursprünglich geplanten Kosten (3 Mrd. Euro) um inzwischen 80 % (!) übersteigt.
- Bestimmte Bioenergieanlagen wären ohne Subvention nie gebaut worden (S. 154). Spricht das für die mit hunderten Millionen geförderte friedliche Nutzung der Kernenergie, bei der auch nach über 50 Jahren der Nutzung auch heute noch kein AKW ohne staatliche Bürgschaften und günstige Kredite von Landesbanken gebaut werden würde (falls überhaupt)?
Diese Liste ließe sich noch ein gutes Stück lang fortführen, und ich habe jetzt noch nicht mal die offensichtlichen Schwachpunkte der Kernenergie wie die Gefahr der Proliferation, der Strahlung bei "Normalbetrieb", der Risiken der Urangewinnung und die Folgen von Unfällen in kerntechnischen Anlagen angesprochen.
Enttäuscht war ich eigentlich schon nach der Einleitung, in der zu leicht Kernenergiekritiker gleich in Verbindung mit linken Studenten und marxistischen Gruppen gebracht wurden. Weiter heißt es dort: "Die Volkspartei SPD ließ sich anstecken vom Anti-Atom-Virus ..." (S. 9). Wer Atomkraftgegner mit Grippekranken gleichsetzt, von dem kann man keine sachliche Argumentation erwarten.
Ich habe mir etwas Zeit mit der Rezension gelassen, nachdem ich das Buch beendet hatte, um nicht zu sehr die starke akute Enttäuschung über das Buch in Form von emotionaler Kritik in die Rezension einfließen zu lassen, aber gerade beim Durchgehen der Textstellen empfinde ich sie wieder sehr stark. Da wird nicht mal das renomierte Heidelberger Ifeu-Institut richtig benannt (im Buch wird es mit "Institut für Entsorgung und Umwelttechnik" zitiert (S. 162) - dabei heißt es "Institut für Energie und Umweltforschung"!).
Die Autorin schließt damit, dass sie ihren Anti-Atom-Aufkleber vom Papierkorb gerissen hat. Vielleicht hätte sie lieber ihr Manuskript zerreissen sollen ...