Für die direkte und anschauliche Beschreibung der Grundsituation des Seins als Person gebe ich 4 Punkte. Die Ableitung und Schlussfolgerungen aus dieser Erkenntnis, die meiner Meinung nach falsche Vorstellungen und Hoffnungen schürt, ergeben für mich zwei Punkte Abzug.
Der Autor vermittelt uns im ersten Teil der vorliegenden Schrift ein (intellektuelles) Verständnis der Grundsituation des Menschseins als Person. Hermann R. Lehner tut dies wie auch in seinen übrigen Büchern in einer direkten und gut verständlichen Sprache. Aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet er das Schauspiel oder den Traum des persönlichen Lebens. So fasst er auf Seite 8 zusammen: "Denn durch die Unmöglichkeit, dich als Quelle zu sehen und somit dein wahres Sein zu erfassen, glaubst du, ein einzelner Körper mit einem eigenen denkenden Geist - Mensch genannt - in dieser Welt zu sein. Und zwangsläufig musst du annehmen, dass die anderen Wesen (Menschen, Tiere usw.) ebenfalls, eigenständige Wesen sind, die genau wie du selbst denken, selbst handeln und selbst fühlen" Gibt es überhaupt eine Möglichkeit sich als Quelle aller Erscheinungen gewahr zu werden? Auf diese Frage schreibt der Autor auf Seite 6 und 7: "Du bist die Quelle und Bewusstsein ist das, was aus dir strömt und dabei als dein Spiegelbild erscheint" (als wahrnehmbare Welt) oder "Was wir als Bewusstsein bezeichnen, ist letztlich die Gesamtheit der Bewegungen im Spiegel" und "Du hast nur eine Möglichkeit, dich als Quelle zu erkennen: durch Rückschlüsse aufgrund deines Spiegelbildes" Es ist also möglich, dass es zu einem Gewahrsein seiner Selbst als Quelle aller Erscheinungen kommen kann. Gleichzeitig wird dadurch auch die falsche Identifikation aufgelöst, die ausschliesslich auf einer Fokussierung auf ein im Gesamtbild erscheinendes Objekt (Ich als Person) basiert. So weit so gut.
Nun stellt sich natürlich die Frage, was für einen Nutzen dieses (unpersönliche) Erkennen haben könnte? Und noch viel interessanter, wer hätte diesen Nutzen? Und genau hier setzt meine Kritik ein. Der Autor vermittelt im folgenden, durch verschiedene, subtile Andeutungen den Eindruck, dass es durch dieses Erkennen einen persönlichen Nutzen geben könnte: "Dennoch wird sich durch die Stille im Inneren, nichts anderes ist als das Gewahrsein als Quelle" vieles ändern - leise, eher unmerklich und allmählich. Die Menschen um dich herum werden sich ändern, Probleme lösen sich oft auf, Wünsche erfüllen sich usw., indem du sie in tiefer Stille betrachtest" (Seite 28). Ja es werden gar Hoffnungen geweckt, dass ich, mir als Quelle gewahr, die Welt gemäss meiner Vorstellung (als Quelle)gestalten könnte: "Ebenso wenig denkt die Quelle, wenn sie etwas verändern will. Sie sieht" in den Spiegel - und verändert. Vergiss nicht: Du bist diese Quelle" und auf Seite 29 "Ein Wunsch ist bereits die benötigte Energie zu seiner Erfüllung, doch die Macht der Erfüllung liegt in der Stille der Quelle - sie liegt in dir also, wenn du ganz und gar in dir ruhend, d.h. im reinen Gewahrsein als Quelle bleibst."
Diese Aussagen offenbaren für mich ein grundsätzliches Missverständnis: Statt sich wie bisher mit einer Person zu identifizieren, findet nun eine neue Identifikation, diesmal als Quelle statt. Einer Quelle, die scheinbar eine sehr menschliche und begrenzte Sichtweise hat. Eine Quelle, die in den Spiegel schaut und das Gesehene beurteilt, ja wenn nötig verändert, zufälligerweise meist eher zu Gunsten der Person, in der sich dieses "Quellengewahrsein" offenbart. Im Weiteren werden an diese neue Identifikation gewisse Bedingungen gestellt: "Ich (als Person?) muss also ganz und gar im reinen Gewahrsein der Quelle verweilen. Beginnst du dennoch erneut mit dem Ich-Denken, so katapultierst du dich augenblicklich aus deinem höchsten Zustand wieder heraus - zumindest zeitweise".
Offensichtlich basieren solche scheinbar non-dualen Beschreibungen im Kern letztlich doch auf einer dualen Sichtweise. Da gibt es trotz gründlicher Situationsanalyse im ersten Teil der Schrift, weiterhin Instanzen, die nun einerseits nicht mehr als Person, sondern als vermeintliche Quelle, die Welt der Erscheinungen beurteilt und gegebenenfalls ändert und andererseits eine Person, die höhere Zustände erreichen und stabilisieren soll. Der (scheinbare) Nutzen, der dabei entstehen soll, weißt wohl eher in Richtung eines jemanden, der ihn für sich beanspruchen könnte, als in Richtung Quelle. Dies alles, obwohl der Autor auf Seite 27 schreibt: "Sie (die Sucher) warten auf den grossen Knall und damit auf die grosse Veränderung in ihrem Leben. Doch dieser Knall wird nicht passieren, denn: was schon Quelle ist, kann nicht Quelle werden!".
Ich frage mich nur, warum da trotzdem Hoffnungen geschürt werden, die den "Traum des Werdens" bestätigen und eher die Suche in einer neuen Version aufrecht erhalten, als sie zu beenden. Aber letztlich ist auch diese Suche einfach ein möglicher Ausdruck dieser einen Quelle und damit gleichwertig mit allen anderen Ausdrucksformen. Das beenden der Suche erscheint nur aus Sicht der Person attraktiv und verheissungsvoll. Wird die Person im Spiegel sowie die sie "umgebende" Welt in ihrer Gesamtheit (ohne Fokussierung) als Erscheinungen dieser einen Quelle gesehen, verliert sich die Faszination für Teilaspekte und die damit einhergehende Suche von selbst, für niemanden.