Lange habe ich mich davor gedrückt, diesem Film eine Chance zu geben, habe ich mich doch vorab über das bedrückende Ende des Filmes informiert. Das ein Kind aus Rache einen kaltblütigen Mord begeht, ist starker Tobak und so überwog zunächst die Skepsis.
Nach dem Anschauen des Filmes aber komme ich nicht umher, trotz des problematischen Endes, von einem guten, wenn nicht sehr guten Film zu sprechen, der sich auf sehr eindringliche und einfühlsame Art mit wichtigen Problemen des Erwachsen werdens und darüber hinaus mit den Erzübeln der amerikanischen Kultur beschäftigt.
Man kann diesen Film und das Ende nicht verstehen, wenn man sich nicht vergegenwärtigt, welchen Stellenwert Waffenbesitz und Selbstjustiz noch immer in der amerikanischen Volksseele besitzt. Der Film glorifiziert diese Dinge auch nicht, er stellt sie lediglich ungeschönt und dennoch sehr einfühlsam dar und das macht auch das zunächst erschreckende Ende durchaus verständlich und wichtig.
Von Anfang an beschäftigt sich der Film mit typisch amerikanischen Fehlentwicklungen, die eben auch an Kindern nicht spurlos vorübergehen. Da ist die übergewichtige Familie, die sich einredet, dass kalorienarmes Essen ungesund ist, da ist die frühreife Göre, die sich nach einer Vaterfigur sehnt und dabei, wohl als ausdruck fehlender sexueller Aufklärung und Prüderie in den Staaten, ein Verhältnis zu einem älteren Mann eingehen möchte, und ja, da sind jene Probleme, die unbeschränkter Waffenbesitz in Verbindung mit einer den Lynchmord rechtfertigenden Doppelmoral auslösen können.
Von Anfang an zeigt der Film amerikanische "Heiligtümer" wie den 4. Juli, Halloween oder Weihnachten in einem kritischen Licht und auch die vielen Fahnen an den Häusern verdeutlichen den Eindruck, dass der Film bewusst machen möchte: seht her: das passiert hinter den Fassaden dieses Landes! Das kommt dabei raus, wenn man Gesundheitsvorsorge, Aufklärung und Waffenkontrolle vernachlässigt.
Der Film ist auch am so drastischen Ende weit entfernt von einem reißerischen Streifen wie "Kick-Ass" oder einem nihilistisch-morbiden Finale wie "The Mist", beides Filme, deren Intentionen ich nicht gerade schätze. "Twelve and Holding" aber bleibt auch Angesichts des entsetzlichen Finales ein zutiefst menschlicher Film, der Gewalt nicht voyeuristisch auskostet oder den Zuschauer der Hoffnungslosigkeit preisgibt.
Er legt den Finger in die Wunde einer Gesellschaft, die es zulässt, dass auch Kinder an Waffen gelangen können und die es zulässt, dass religiöser Glaube Lynchjustiz nicht verhindert sondern sogar noch befördert.
Diese Dinge müssen angesprochen werden und daher ist auch die Drastik der Auflösung durchaus nachvollziehbar, obwohl sich ein Teil von mir wünscht, dass der Junge am Ende doch nicht abgedrückt hätte. Hätte es nicht gereicht, das Thema nur anzusprechen und den letzten finalen Schritt nicht zu gehen?
Denn an anderer Stelle hatte der Film den Mut, nicht zu weit zu gehen. Zum großen Glück wird das Thema frühreifer Sexualität nur angedeutet, der erwachsene Gus nutzt aber das "Angebot" der verwirrten Teenagerin nicht aus und ruft stattdessen die Mutter des Mädchens an. Dies empfinde ich als die bessere Lösung und Ähnliches hätte ich mir für das Finale gewünscht. Hier aber waren die Macher zu keinen Kompromissen bereit, wohl auch deshalb, weil auch Amerika hier keine Gnade kennt. Während Sexualität unterdrückt wird, sind Waffen und Gewalt allgegenwärtig und somit ist das Ende konsequent und schockierend zugleich.
"Twelve and Holding" ist ein Film, den man gesehen haben sollte, ein mutiger Film, der entsetzen und schockiern soll...Keine verantwortungslose Gewaltverherrlichung à la "Kick-Ass"...