Das Buch ist, ironisch (?), den Bibliothekaren gewidmet, und in der amerikanischen Bibliothekswelt hat es auch große Beachtung gefunden. Sehr anschaulich beginnt es mit der Beschreibung eines Büromarktes, in dem die Waren naturgemäß in einer bestimmten Ordnung dargeboten werden. Dort ist jeder Artikel nur einmal, an seiner bestimmten Stelle, zu finden: "Im physischen Raum kann es immer nur eine Anordnung geben" (S. 6).
Die "digitale Welt" ist für Weinberger dagegen von grundsätzlicher Unordnung bestimmt. "Die digitale Welt ermöglicht es uns also, die fundamentalste Ordnungsregel der realen Welt außer Kraft zu setzen: Jetzt hat nicht mehr alles seinen festen Platz, sondern wir können allen Dingen mehrere Plätze zugleich zuweisen" (S. 16f). Dies ist die Grundthese des Buchs, daß der Bereich des Digitalen völlig von dem des Physischen verschieden sei, insofern als in ersterem keine Ordnung bestehe. Seine Behauptung versucht der Autor an der Organisation einer elektronischen Fotosammlung zu belegen: die Bilder lassen sich verschlagworten und so in beliebig vielen Alben beliebig verschieden anordnen.
Spätestens hier wird man stutzig und erinnert sich daran, daß die Bibliotheken genau dies schon seit langem mit Katalogen leisten. Die Bücher (Informationen) sind im Magazin kursorisch aufgestellt, also nach dem Zeitpunkt des Zugangs, genauso wie die Fotos auf einem digitalen Träger. Kataloge (Meta-Informationen) erlauben es aber, den Bestand virtuell nach verschiede-nen Gesichtspunkten zu organisieren, formal und sachlich.
Entscheidend für die Möglichkeit der mehrfachen Anordnung ist eben nicht die materielle Form des Objekts, sondern die Vergabe sinnvoller Metadaten. Auch die digitalen Bilder ordnen sich nicht von alleine zu Alben, sondern erst durch Erschließung. Zwischen einem Numerus-currens-Magazin und dem Bild-Ordner eines Rechners besteht kein wesentlicher Unterschied. In beiden Bereichen werden rein numerisch geordnete Informationen (Bücher, Bilder) durch intellektuell vergebene Metadaten in eine sinnvolle Ordnung bzw. in mehrere sinnvolle Ordnungen gebracht. Und außerdem: auch digitale Daten haben ein physisches Substrat, sonst gäbe es sie nicht!
Daß das Digitale sich sehr viel einfacher kopieren läßt, so daß ein Foto in vielen Alben präsent sein kann, das Buch aber (meist) nur einmal vorhanden ist - dieser Unterschied ist kein grundsätzlicher, denn er ändert nichts an der Möglichkeit der mehrfachen Ordnung: jedes Buch hat virtuell mehrere Plätze. Später scheint Weinberger dann doch noch begriffen zu haben, was Kataloge leisten, und damit widerlegt er seine Grundthese selber (S. 68).
Das Digitale bedeutet im Bereich der Organisation von Information keinen wesentlichen Einschnitt, keinen Paradigmenwechsel. Im Bibliotheksbereich war die entscheidende Wende vielmehr die von der systematischen zur kursorischen Aufstellung. Diese trennt die physische Ordnung von der intellektuellen; mit ihr mag somit, wenn man unbedingt will, das Zeitalter der "Unordnung", des "Durcheinander" (S. 208), begonnen haben.
Man kann sogar noch weiter gehen und sagen, daß die Welt der Bücher grundsätzlich genau so ungeordnet ist wie die der Dateien im World Wide Web. Ordnung schaffen erst die Metadaten der Buchhändler und Bibliothekare; und (fast) jede Bibliothek, jede Buchhandlung hat ihre eigene Ordnung - es gibt also eine Vielzahl von Ordnungen, genau wie im digitalen Bereich. Nur erscheint die Ordnung im Bereich des Gedruckten gleichsam als natürlich, weil es sie "schon immer" gegeben hat, so daß "Buch" ohne "Bibliothek" kaum denkbar scheint.
Leider geht Weinberger noch weiter und scheut nicht vor dem Versuch zurück, Platon und Aristoteles "aus dem Sattel" zu heben (S. 219). Damit begibt sich der Internet-Experte auf das für ihn gefährliche Terrain der Philosophie. Auch hier geht er von falschen Voraussetzungen aus und übersieht, daß die Welt grundsätzlich ungeordnet ist, daß aber jede Sprache den Versuch darstellt, dieses Chaos zu ordnen. Sprache ist immer schon "meta", sie spricht über Nicht-Sprachliches (außer da, wo sie über sich selber spricht, also metasprachlich gebraucht wird).
Auf einer anderen Ebene hingegen mag Weinberger recht haben. Wer sich durch die 300 Seiten seines Buchs gequält hat, kann in der Tat zu dem Eindruck kommen, das Zeitalter der Unordnung sei nun angebrochen: everything is miscellaneous. Disorder stellt das Organisationsprinzip dar. So liest sich das Ganze letztlich als der Versuch, eine persönliche Unfähigkeit dadurch zu rechtfertigen, daß sie zur bestimmenden Eigenschaft eines Zeitalters erklärt wird.
http://tobias-lib.ub.uni-tuebingen.de/volltexte/2008/3587/