"Die Rückkehr der Vernunftehe" lautet das neunte und letzte Kapitel. Hätte man die 270 vorangehenden Seiten nicht gelesen, könnte man meinen, der Autor sei verdientes Ehrenmitglied einer konservativen Organisation zur Rettung von Moral und Familie. Aber weit gefehlt, der 1971 geborene Sven Hillenkamp verbrachte seine Kindheit zwar in Bonn, zog dann aber irgendwann in die große Welt, um Politik, Soziologie, Geschichte, Philosophie und Islamwissenschaft zu studieren. Und nun lebt er als freier Autor in Berlin und Stockholm. Ein solcher Weg schützt zwar noch nicht vor dem Fall in den Moralintopf, ist aber keine schlechte Grundlage, relativ unbeschadet auf das menschliche Treiben zu sehen. Kurz: Wenn wir am Schluss des Buches erfahren, dass es die total Festgelegten und die total Beweglichen am schwersten haben, wurden wir schon zuvor dazu ermuntert, nicht jede Wahlmöglichkeit zu ergreifen.
Bis dass der Tod euch scheidet, ist also nicht die Botschaft, die Sven Hillenkamp vermitteln will. Sein Anliegen ist es, uns vor der Welt der unendlichen Möglichkeiten zu warnen, indem er ebenso klug wie unterhaltsam aufzeigt, wie Freiheit mit Beliebigkeit und Gleichgültigkeit zusammenhängt. Und obwohl sein Demonstrationsobjekt "Liebe" heißt, gelten die meisten Betrachtungen auch für andere Bereiche. Damit ist Sven Hillenkamps Buch nicht zuletzt eine Absage an den Glauben, dass jeder der Schmied seines Glücks ist, womit auch ein großer Schatten auf die Regale der Ratgeberliteratur fällt. Denn so wie die Suche nach dem idealen Partner am Glück vorbeiführt, bringt auch dauernde Arbeit am eigenen Selbst nicht die erhoffte Befriedigung.
Sven Hillenkamp ist kein Paartherapeut und will seine Leser auch nicht mit Fallbeispielen gelungener Interventionen ins Gesprächszimmer locken. Er bekennt sich gleich in seiner Vorrede dazu, sich der Übertreibung verschrieben zu haben. Und wie er die begründet und rechtfertigt, gibt dem Leser einen Vorgeschmack, was ihn sprachlich und formal erwartet. Obwohl der Inhalt mit Smalltalk so viel zu tun hat wie Norddeutschland mit den Alpen, sind Hillenkamps soziologisch-philosophischen Betrachtungen nie langweilig. Und gerade weil der Autor mit Geschichten aus dem alltäglichen Leben operiert, erkennt der Leser seinen eigenen Nöte und Irrwege.
Die Grundthese ist ziemlich einfach: Wenn ich immer nach einer weiteren Option suche, kann ich nie ankommen. Hält sich die Psyche im Land der unbegrenzten Möglichkeiten auf, ist sie dauernd unter Strom und mit der Frage beschäftigt, ob hinter der nächsten Ecke vielleicht doch etwas noch Besseres wartet. Aber Liebe ohne Verbindlichkeit gibt es so wenig wie das Leben ohne Tod. Will man sich dieser schmerzlichen Erfahrung nicht stellen, bleibt nichts anderes als dauernde Betriebsamkeit. All dies formuliert Sven Hillenkamp natürlich sehr viel anschaulicher, einleuchtender und ausführlicher. Und manchmal lässt er sich von seiner Fabulierkunst so mitreißen, dass ich mir gewünscht hätte, er würde seine wichtigsten Gedanken nochmals zusammenfassen. Auch weil er damit Leser noch besser erreichen könnte, deren intensive Erfahrung mit Ratgeberliteratur formale Erwartungen wecken, die in diesem Buch kaum erfüllt werden.
Ob Sven Hillenkamp mit diesem Buch das Echo auslösen kann, das für Veränderungen notwendig ist, bleibt vorderhand offen. Sollte dem zu meinem Bedauern nicht so sein, kann es unter anderem daran liegen, dass der Autor allzu sehr auf Veränderung durch Einsicht baut. Gerade die Geschichte zeigt, dass Appelle an die Vernunft wenig fruchten, solange das Ich meint, es sei Herr im eigenen Haus. Ich hoffe einfach, dass es dem Leser gelingt, all das herauzufiltrieren, was bei Sven Hillenkamps bestechenden Analysen jeweils emotional mitschwingt. Denn anders wird es kaum gelingen, von einem Denkmodell Abschied zu nehmen, das wir in den letzten Jahren so stark verinnerlichten, dass wir es für die Wahrheit halten.
Mein Fazit: Ein wichtiges, kluges und unterhaltsames Buch über die Grenzen der Freiheit und das Hoheitsgebiet der Liebe. Wichtig nicht zuletzt deswegen, weil mit der populärwissenschaftlichen Glücksratgeberliteratur Denkmodelle verfestigt werden, die wir unbedingt auflösen müssen, wenn wir wirklich glücklicher werden wollen.