...und ihre Schwierigkeiten.
Eigentlich widerstrebt es mir, vor Beendigung einer Lektüre über einen Text zu sprechen. In diesem Falle werde ich es tun, da ich nunmehr ca. 300 Seiten gelesen habe und meine, die Coda des Buches verstanden zu haben. Und die Schwierigkeiten, die es macht, ein solches zu verfassen.
Ian Kershaw gehört sicher neben Anthony Beevor, Richard Overy, Norbert Frei oder Götz Aly (u.a. natürlich) zu den heute führenden Historikern der jüngeren Geschichte mit Schwerpunkt 3. Reich/2. Weltkrieg. Ob Hitlerbiographie oder die angefallenen "Nebenprodukte", die er in den vergangenen 10-15 Jahren abgeliefert hat - immer ist es spannend und sehr, sehr informativ, ihn zu lesen. Ich würde seinen Büchern im Schnitt immer 4 oder 5 Punkte geben. Warum dann nicht hier?
Die 3 Punkte kommen zustande gemessen an seinem eigenen im Vorwort und der Einleitung erhobenen Anspruch. Eine Mischung aus chronologisch-linearer Erzählung und mentalitätsgeschichtlichen Erkenntnissen schwebe ihm vor, so formuliert es Kershaw. Wer sich selbst einmal mit Mentalitätsgeschichte beschäftigt hat, weiß um die enormen Schwierigkeiten, denen man sich in diesem Fach gegenüber sieht; nicht zuletzt deshalb, weil der Begriff "Mentalität" in den verschiedenen Sprachen verschiedene Bedeutungen hat und somit auch verschiedenste Ergebnisse erwartet werden von etwas, das sich "Mentalitätsgeschichte" nennt. Zudem ist es ein "weiches" Forschungsfeld, es wird immer schwer sein, in solch einem Zusammenhang "gesicherte", "harte" Fakten zu präsentieren. Mentalitätsgeschichte versucht, auch anhand von Literatur, Berichten, Tagebüchern und v.a. Briefen dem "eigentlichen" Denken durchschnittlicher Menschen in ihrer Zeit auf die Spur zu kommen. Dies hinterläßt zwangsläufig immer eine Lücke dort, wo Faktenwissen in Interpretation übergeht. Diese Lücke wird dann gern mit Bekanntem, Spekulativem gefüllt oder aber schlichtweg übersehen. Dies alles sei bitte nicht falsch verstanden - Mentalitätsgeschichte ist ein faszinierendes und weites Feld, das zu verfolgen großen Spaß macht und zu einer Menge interessanter Erkenntnisse führt; und immer, immer, immer geben mentalitätsgeschichtliche Betrachtungen Anlaß zu weiterem interessierten Nachdenken.
Was also ist es, daß Kershaws Buch hier eher durchschnittlich benotet wird? Sein Problem ist, daß das Material scheinbar kaum ausreicht, wirklich ein Bild dessen entstehen zu lassen, was Deutsche in jenen heftigen letzten Monaten, Wochen und Tagen meinten oder dachten. Er will wissen, warum Deutschland trotz des allgemein anerkannten Wissens darum, daß der Krieg verloren war, immer weiter gekämpft hat. Warum gab es keine Aufstände? Wieso lehnten sich nicht bei Zeiten zumindest die Wehrmachtsgenerale auf, die längst wussten, daß alles verloren war? Warum konnte Hitler seine "charismatische" Herrschaft aufrecht erhalten, obwohl sein Irrsinn mittlerweile zumindest denen in seiner unmittelbaren Umgebung bekannt gewesen sein dürfte? Warum machten die Menschen in den ausgebombten Städten einfach weiter? Dies sind einige der Fragen, die sich Kershaw stellt. Er will jedoch - das betont er zweimal - KEINE Militätgeschichte schreiben, nicht nur das sattsam bekannte Personal der Nazischergen untersuchen usw. Nach 300 Seiten Lektüre muß ich leider sagen, daß er genau das aber tut. Nicht, daß dies nicht ebenfalls interessant wäre - sowohl die Bewegungen des Militärs in Anbetracht einer gigantischen Übermacht im Osten als auch die verzweifelten und letzlich folgenlosen Versuche der Gegenoffensive in den Ardennen und eines Durchbruchs gen Antwerpen; ebenso ist es interessant zu lesen, wie Kershaw ein "Quadrumvirat" der NS-Größen Bormann, Himmler, Goebbels, Speer identifiziert und v.a. untersucht, wie die Machtstrukturen innerhalb der Partei, der Wehrmacht und des OKW dazu beitrugen, daß links oft nicht wusste, was rechts tut, letzte Entscheidungsgewalt immer bei Hitler lag, die ganze Struktur der Macht darauf ausgelegt war, permanente Konkurrenz unter den Paladinen zu schüren und damit auch die Macht des "Führers" unangreifbar zu machen.
Allerdings ist all dies - nicht zuletzt Dank Kershaws eigenen hervorragenden Büchern "Hitlers Macht: Das Profil der NS-Herrschaft" oder "Der Hitler-Mythos. Volksmeinung und Propaganda im Dritten Reich" - durchaus bekannt. Gerade die Struktur des inneren Zirkels um Hitler und das Funktionieren der Partei bei gleichzeitiger Aushöhlung dessen, was man gemeinhin "Staat" nennt, hat Kershaw wie wenige andere herausgearbeitet und hervorgehoben. Nun wäre eine grundlegende Untersuchung und Analyse des "einfachen" Mannes (eher der "einfachen" Frau, wenn man bedenkt, daß die meisten Männer im Feld standen) sehr wohl willkommen. Doch tun sich schon bei dem reinen Gedanken daran die Probleme sofort auf: Wie will man gesichertes Material in solcher Fülle erhalten und sichten? Wie will man dadurch einen Durchschnitt herausarbeiten und analysieren? Wie soll die Psyche, Mentalität, Motivation einer gesamten Bevölkerung untersucht werden? Zum einen wäre dies sowieso ein ungeheures Unterfangen; erschwerend hinzu kommt, daß man es hier - außer möglicherweise bei Tagebuchgeinträgen - fast immer mit Dokumenten zu tun hat, die im Bewußtsein einer streng herrschenden Zensur und permanenten Denunziationsdrucks verfasst wurden. Kershaw verweist z.B. immer wieder darauf, daß regimekritische Anmerkungen in Feldpostbriefen etc natürlich nicht zu erwarten gewesen seien, daß aber keine Notwendigkeit bestanden hätte, das Regime extra und über den Klee zu loben. Wohl wahr. Dennoch ist es eine Behauptung, eine Annahme. Mentalitätsgeschichtlich stellt sich schon die Frage, ob diese Annahme haltbar ist. Gerade unter den immer verzerrenderen Einflüssen von wahrgenommener Wirklichkeit und verherrlichender Propaganda, geflüsterten Gerüchten, was einem widerfahren konnte, wenn man sich kritisch äußerte, beängstigenden Berichten, was daheim los war, bzw. wie es um die Front(en) wirklich stand, müssen zu einer Verunsicherung gigantischen Ausmaßes beigetragen haben. Kann man so sicher sein, daß die Briefeschreiber, waren sie nicht schon vollends entnervt oder resigniert, nicht eben doch dazu übergingen, zu loben, wo nichts mehr zu loben war?
Dies soll keine Grundkritik an Kershaws Vorgehen sein, allerdings bleibt eine Ungewißheit. Und man merkt, daß es dem Autor auch selbst so gegangen sein muß, denn im Fortlauf der Erzählung generiert er eben doch genau das, was er laut Einleitung nicht wollte: Eine Militärgeschichte (die ja durchaus hoch interessant ist) und ein Portrait eben jenes "Quadrumvirats" und ihrer Machtkämpfe untereinander (was ebenfalls interessant zu lesen ist). Dazu gibt es ausreichendes Material, es gibt Zeitzeugenberichte usw. Doch entsteht während des Lesens dann doch der Eindruck, als hätten diese Vier, gemeinsam mit dem Übervater Hitler, allein die Geschicke eines Landes und seiner Bevölkerung bestimmt. Sicher, Kershaw verweist auch wiederholt auf die Rolle der Gauleiter und ihrer Rolle, die sie fest und alternativlos an Hitler, bzw. die Partei und deren Schicksal band. Dadurch wird gerade die Art, wie der Staat durch die Partei ersetzt wurde hervorgerufen. Und dennoch bleibt die Frage: "Wieso haben die, die nicht in der Parte, die keine Gauleiter, die keine Bonzen waren dann alle noch mitgemacht?" im Raum stehen. Und auch, wieso jene zivilen Kräfte, die Hitler einst aus reiner Berechnung mit an die Macht brachten (also v.a. die Wirtschaftsführer) nicht spätestens ab Mitte 44 massiv gegen das Regime aufbegehrten, sahen sie doch bei zunehmenden Luftangriffen - sowohl was die Häufigkeit, als auch was die Heftigkeit anging - , daß der Krieg eh verloren, daß ab jetzt nur noch ein Untergang historischen Ausmaßes möglich war und daß ihre ureigensten Interessen, nämlich der Erhalt ihrer Produktionsgüter, bedroht wurden?
Diesen Fragen stellt sich Kershaw zwar, doch befriedigende Antworten scheint auch er nicht geben zu können. Es bleibt dieser unfassbare Fakt, daß sie mitgemacht haben, die Deutschen, daß sie erst bereit waren, jedem Versprechen zu glauben, daß sie dann bereit waren, jede Schandtat zu rechtfertigen und schließlich den eigenen kollektiven Selbstmord (und wie anders will man es denn auch sehen?) in Kauf zu nehmen. Es bleibt - immer noch, immer wieder - diese unglaubliche Frage, die Unglauben ausdrückt: Warum?
Hier aber, in diesem Falle bleibt ein gutes Buch, ein interessantes Buch, ein lesenswertes Buch, das aber leider das selbst gestellte Thema manchmal verfehlt. Deshalb "nur" 3 Sterne - die weitaus mehr bedeuten als "befriedigend".