Mit ihrem Erstlingsroman "Der Gott der kleinen Dinge" kam die Inderin Arundhati Roy vor zwei Jahren weltweit in die Bestsellerlisten. Fragen nach weiteren literarischen Ambitionen hat sie seither gerne mit dem Verweis beantortet, "falls ich etwas zu sagen habe". Nicht nur etwas, sondern sehr viel und äußerst Polemisches hat Roy indes zu zwei hochbrisanten Themen in ihrer Heimat zu sagen gehabt: den Atomtests 1998 und den anhaltenden Auseinandersetzungen um den Bau des Narmada-Staudammes, der Zwangsumsiedlung von mindestens 200.000 Menschen nötig macht. Die beiden bereits in indischen und internationalen Medien abgedruckten Streitschriften - die genauester Recherche nicht entbehren - sind im vorliegenden Buch erschienen. Wie, fragt Roy in ihrer Polemik gegen die großen Staudämme, "kann man Fortschritt messen, wenn man nicht weiß, was er kostet und wer ihn bezahlt hat?" Der indische Staat kann jedenfalls weder die Zahl der Menschen beziffern, die durch Dämme heimatlos gemacht wurden, noch was aus ihnen wurde. Solche Statistiken muss man sich mühevoll zusammensuchen und dann hochrechnen. Roy kommt auf mindestens 33 Millionen Vertriebene, zumeist aus den am schlechtesten gestellten Schichten. Anhand dieser Staudämme und der Atompolitik zeichnet Roy ein Bild des modernen Indien. Zentrale Aspekte sind dabei die geltenden Entwicklungs- und Fortschrittsparadigmen, wodurch die Texte weit über ihren Anlassfall hinaus von Interesse sind - schon weil, so Roy, "wir wie der Tiger im Belgrader Zoo währenden der Nato-Luftangriffe begonnen haben, uns selbst aufzufressen."
Brigitte Voykowitsch in "Der Standard", 10. 12. 99