Vorab das Wichtigste - wer Informationen für Anlagestrategien angesichts der aktuellen Krise auf den Finanzmärkten sucht, der ist hier fehl am Platz und sollte sich ein anderes Buch kaufen.
Was aber bietet dieses Buch? Zunächst einmal eine Chronik der Krise des letzten Jahres - kurz, knapp und präzise auf wenigen Seiten zusammengefasst. Danach folgt auf fast 70 Seiten ein theoretischer Teil, in welchem George Soros seine Reflexivitätstheorie ausbreitet. Denjenigen, die sein Werk "Die Alchemie der Finanzen" gelesen haben, wird dieser Teil bekannt vorkommen. Im Endeffekt sagt er nichts anderes, als dass die Annahme, Finanzmärkte seien selbstkorrigierend und tendieren zum Gleichgewicht, falsch ist. Stattdessen ist er der Meinung, dass die Markteilnehmer ihre Entscheidungen eben nicht auf Wissen basierend treffen, sondern dass es Wechselwirkungen zwischen kognitiven und manipulativen Funktionen gibt, die für Unsicherheiten sorgen. Oder anders ausgedrückt, es spielen nicht nur Fakten eine Rolle, sondern auch individuelle Wahrnehmungen. Beides zusammen - Fakten und Wahrnehmungen- verursacht eine Folge von Ereignissen. Der Begriff Reflexivität wird von George Soros verwendet um die Wechselwirkung zwischen eben diesen Fakten und der Wahrnehmung der Markteilnehmer zu beschreiben. Alles klar? George Soros erbringt aber keine wissenschaftlichen Beweise für seine Theorie - er erläutert sie, mehr nicht.
Teil dieser ersten 70 Seiten ist im Übrigen auch eine Autobiografie von Soros, in welcher er sich als gescheiterten Philosophen sieht. Hierin beschreibt er unter anderem den Einfluss von Karl Popper auf sein Denken und wie sich seine Philosophie bereits an der London School of Economics entwickelt hat. Durchaus interessant diese Seiten - auch wenn sie nicht wirklich viel mit dem Titel dieses Werkes zu tun haben. Im Folgenden wird auch die Bankenkrise der 1980-er Jahre eingegangen, sowie Boom-Bust-Zyklen erklärt.
Ab S. 93 folgt Teil 2 über die aktuelle Krise und was danach kommt. Dieser Teil beinhaltet auch diverse Charts z.B. über die persönliche Sparquote in Amerika von 1995-2007, das Wachstum der Hypothekenverschuldung in den USA über denselben Zeitraum, etc. Dazu Ausführungen über Globalisierung, Liberalisierung seit dem 2. Weltkrieg ... und natürlich wieder Autobiografisches, diesmal die Karriere von George Soros als Spekulant. Die darauf folgenden, fast 20 Seiten seines Ausblickes auf das Jahr 2008 sind überholt und seine Prophezeiung, dass am Ende die US-Regierung in die Steuertöpfe greifen muss, um den Verfall der Eigenheimpreise zu stoppen, ist kaum überraschend.
Spannend wird es erst wieder danach: "Einige Empfehlungen an die politisch Verantwortlichen". Welche Lektionen hat George Soros aus der Finanzkrise gezogen? Er empfiehlt hier unter anderem die Einrichtung einer Clearing-Stelle oder Börse für Credit Default Swaps. Sieht das Problem, dass ein Eingreifen notwendig ist, um dem Einbruch bei den US-Immobilienpreisen Einhalt zu gebieten. Fragt sich was zu tun ist, um den Gläubigern von Subprime-Hypotheken einerseits und den Eigenheimbesitzern mit Hypotheken, deren Betrag den Wert des Hauses übersteigt, andererseits zu helfen. Sieht die Auswirkungen von Zwangsvollstreckungen und meint, dass die Bush-Regierung hier bislang nicht ausreichend tätig geworden ist. Soros kritisiert das aktuelle amerikanische Insolvenzrecht. All diese Ausführungen sind zwar hochinteressant. Dennoch haben sie im Wesentlich nur für die USA eine Bedeutung, nicht für Deutschland - zumindest was die Eigenheimbesitzer und Hypothekennehmer in den USA anbelangt.
Alles in Allem muss ich leider sagen, dass der Titel dieses Buches zumindest meiner Meinung nach nicht hält, was er verspricht. Teile, zum Beispiel zur Autobiografie und die Darstellung seiner Theorie, waren zwar interessant, aber deswegen hatte ich dieses Buch nicht gekauft. Die Ausführungen, was diese Finanzkrise bedeutet, sind vor allem auf die USA bezogen - dies hätte im Titel deutlich gemacht werden müssen. Zum Schreibstil: trocken mit Fachvokabular, welches allerdings in Fußnoten erläutert wird. Mehr als 2 Punkte kann ich hier nicht vergeben.