Elf miteinander verwobene Geschichten über den Tod, Trauer und schmerzvolle Liebe finden sich in dem Band "Das Ende des Bengalischen Tigers."
"Meine Erinnerungen sind ausschließlich Geschichten des Todes", sagte eine der Figuren in "Das Ende des Bengalischen Tigers", von Yoko Ogawa. Und der Tod ist in jeder der elf Geschichten spürbar. Sei es in einer Ausstellung über Folterwerkzeuge oder wenn eine Mohrrübe einer menschlichen Hand ähnelt, ein Bengalischer Tiger seine letzten Atemzüge in den Armen seines Pflegers macht oder die auf einer Straße verstreuten Tomaten. "Er wurde zerquetscht. Wie pürierte Tomaten."
Die Geschichten beginnen harmlos, driften manchmal ab ins Groteske oder Surreale und steigern sich ins Unfassbare. Wie bei Haruki Murakami sind es oft Alltagsgeschichten, in denen die Protagonisten in ungewöhnliche Situationen geworfen werden. In der Geschichte '"Anprobe für ein Herz", stellt ein Mann Taschen jeglicher Art her. Eines Tages betritt eine Frau seinen Laden, die eine besondere Tasche benötigt. Sie trägt nämlich ihr Herz nicht im Körper sondern Außen. Der Mann verliebt sich, nicht in die Frau, aber in das verwundbare Herz und stellt eine besonders schöne und schützende Tasche her. Doch die Frau will die Tasche nicht mehr, da sie sich das Herz wieder in den Körper hineinoperieren lassen will. Der Mann möchte das Herz aber wenigstens einmal in seiner ihm zugedachten Tasche sehen und besucht die Frau im Krankenhaus mit einem Messer in der Hand. "Eine grausame, aber schöne Vorstellung."
Die Geschichten von Ogawa werden meist nicht chronologisch erzählt, immer wieder gibt es Einschübe aus der Vergangenheit, oder Sprünge in den Handlungen. Deshalb sind diese Geschichten sind nicht für ungeduldige schnelle Leser. Ogawas Geschichten verlangen Aufmerksamkeit und Zeit. Zudem sind die Geschichten gespickt mit ekligen Details, die Ogawa gerne benutzt. "Wie schön sie sind, die Schimmelpilze."
Das besondere an diesem Band ist die Verknüpfung der Geschichten miteinander. Manchmal ist es nur eine Kleinigkeit, wie Kiwis oder ein Kühlschrank, an anderen Stellen sind es die Figuren, die aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet werden und somit ein anderes, genaueres Verständnis ermöglichen.
"Sie gibt den hauchfeinen Spielen der menschlichen Psyche einen zarten aber durchdringenden Ausdruck", sagte der japanische Schriftsteller Kenzaburo Oe über Ogawa. Es waren unter anderem seine Werke, die sie zum Schreiben inspiriert haben. Yoko Ogawa gilt als einer der wichtigsten japanischen Autorinnen in Japan.