Was ist Moral, wie entsteht sie und was bewirkt sie? In seinem neuen Buch kommt Rolf Degen zu erstaunlichen Antworten: Moral, so das Fazit seiner Analyse, kann den Menschen nicht beliebig von außen überstülpt werden. Sie kann nicht beliebig erfunden und anerzogen werden. Moralisches Handeln und Urteilen ist immer an Emotionen gefesselt, stützt sich auf ein 'angeborenes unausrottbares Bauchgefühl', das aus einem Repertoire urzeitlich geformter Gefühle stammt. Moral ist Bestandteil einer Überlebensstrategie, die sich in den Genen verankert hat. Zum moralischen Handeln gehören das Bestreben, Schaden zu vermeiden, der Wunsch nach Gerechtigkeit, die Neigung, fremden Besitz zu achten oder auch die Bereitschaft, zu vergeben. Rolf Degen erklärt eindringlich, warum dies tief verwurzelte Motive des Menschen sind und welche Rolle dabei unsere Emotionen spielen, diese Motive auszuleben. Wer kein Mitleid empfindet, dem wird der Schaden eines anderen gleichgültig sein, wer keine Schuldgefühle hat, der wird sein Handeln auch nicht als ungerecht wahrnehmen.
Wer die Moral eines Menschen beeinflussen will, der muss auf seine Gefühle einwirken. Rolf Degen grenzt sich mit Nachdruck von der Vorstellung ab, die Moral des Menschen gründe sich auf den Verstand. Auch wehrt Degen sich entschieden gegen die Doktrin von der Vorherrschaft des Eigeninteresses und der Triebsteuerung. Ebenso wenig sei der Mensch ein rein rational entscheidender und abwägender Homo Sapiens. Es sind die im Laufe der Evolution entstandenen Gefühle, schreibt Degen, die nicht zulassen, dass Menschen immer rein rational und auf Gewinnmaximierung bedacht handeln können.
Der Autor hat ein aufschlussreiches und fesselndes Buch geschrieben, das dem Leser eine neue Tür aufdrückt, sein eigenes moralisches Urteilen und Handeln und das einer ganzen Kultur besser zu begreifen. Mit zahlreichen Beispielen bringt er uns die psychologischen Mechanismen nahe, die uns dazu verleiten, die Welt so zu bewerten, wie wir es tun. Dabei wird eines klar: Der Mensch muss nicht erst alles lernen, was 'gut' und 'böse' ist. Die Natur hat ihn bereits mit Anlagen ausgestattet, die ihn in vielen Situationen leiten, Gutes zu tun. Viel Gutes steckt also bereits in ihm.