Aus der Amazon.de-Redaktion
Detailliert beschreibt der Autor die mannigfachen, sich häufig wechselseitig verstärkenden Ursachen für den Fortbestand extremer Armut inmitten größten Wohlstands. Und er lässt es nicht bei der Zustandsanalyse bewenden, sondern zeigt auf, welche konkreten, praktischen Maßnahmen nötig und tatsächlich auch möglich sind, um diese Armut zu überraschend geringen Kosten nachhaltig zu überwinden. Auch der entwicklungsökonomischen Methodik eröffnet Sachs interessante Perspektiven. Seine "klinische Ökonomie" will der Komplexität wirtschaftlicher Systeme durch eine sorgfältige Differentialdiagnostik ähnlich wie in der Medizin Rechnung tragen. Hierfür hat Sachs eine siebenstufige Checkliste ausgearbeitet, die er jedem "klinischen Ökonomen" für die "ärztliche Voruntersuchung" eines verarmten Landes an die Hand geben möchte, weil nur auf der Grundlage einer sorgfältigen Diagnose ein für den konkreten Einzelfall angemessener Behandlungsplan erstellt werden kann.
Gewiss: Entwicklungspolitik kostet Geld. Doch zeigt sich Sachs überzeugt, bereits mit der Anhebung des von den Geberländern von ihrem Bruttoinlandsprodukt bereitgestellten Anteils von derzeit 0,14 auf 0,7 Prozent bestünde "die realistische Chance, extreme Armut bis zum Jahr 2025 zu beseitigen". -- Lesenswert! -- Andreas Vierecke -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .
Pressestimmen
"Warnung: Lesen Sie Sachs nicht, wenn Sie ihr hübsch geschlossenes Weltbild streicheln wollen. Lesen Sie Sachs nur, wenn Sie weiterkommen wollen." (Matthias Horx, Literarische Welt )
»Ein empfehlenswertes Buch, und zwar vor allem, weil den einfachen Lösungen komplexe Analysen vorausgehen.« (Frankfurter Rundschau )
Kurzbeschreibung
Klappentext
Die Welt (Matthias Horx)
»Die vielleicht interessantesten Passagen des Buches behandeln die Erfahrungen des Amerikaners in Rußland, China und Indien. Wie die sehr unterschiedlichen kulturellen und geographischen Ausgangsbedingungen die Entwicklung dieser drei großen Schwellenländer jeweils unterschiedlich beeinflußt, ist sehr anschaulich herausgearbeitet.«
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
»In seinem überaus informativen Buch zeigt Sachs wie eine Lösung aussehen könnte, dass Afrika nicht verloren geht. Dabei begibt er sich zwischen alle Fronten. So greift er US-Präsident George W. Bush wegen des Irak-Kriegs an, kritisiert aber auch die protektionistischen Forderungen der Globalisierungsgegner. Denn Sachs bleibt ein Ökonom, der für Privateigentum, die Marktwirtschaft und freien Handel eintritt.«
Welt am Sonntag
Über den Autor
Auszug aus Das Ende der Armut. Ein ökonomisches Programm für eine gerechtere Welt von Jeffrey D. Sachs, Thorsten Schmidt, Udo Rennert. Copyright © 2005. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Es ist noch gar nicht so lange her, dass keiner als Bourgeois auffallen wollte. Wer unter Umständen einen bürgerlichen Eindruck bei anderen hinterließ, bemühte sich sofort, Eigenschaften zu betonen, die sein unkonventionelles, für alles offene und möglichst authentische Temperament unmittelbar »zur Schau stellten«. Verständlicherweise, denn der Bürger als sozialer Typus mit einer bestimmten Haltung und ihr gemäßen Lebensformen ist längst verschwunden, ebenso wie der Aristokrat oder Arbeiter. Beamte und Angestellte, der Akademiker oder der deutsche Professor haben ihre ehemaligen Erkennungsmerkmale eingebüßt. Wer das bedauert, sollte nicht vergessen, dass sich die Legitimation einer demokratischen Gesellschaft verantwortungsvoller Endverbraucher eben aus der Nivellierung und Egalisierung ergibt. Beides ist unvermeidlich, weil der Massenkonsum die Voraussetzung dafür schafft. Dennoch gibt es Unterschiede, je nach dem materiellen Verdienst. Sie reichen abgestuft von den Reichen über die Besserverdienenden bis hinunter zu denen, die mit »Billiglöhnen« zufrieden sein müssen. Mit den verschiedenen Einkommensklassen sind keine grundsätzlich anderen Lebensformen verbunden.
Ob Arm oder Reich - beide sehen die gleichen Ratespiele, Diskussionen, Sportübertragungen, Musikshows oder Pornofilme. Gerade die Sexindustrie und das erotische Spaßgewerbe ebneten endgültig die geschmacklichen Unterschiede ein. Sie versprechen ungewöhnliche und außerordentliche Erlebnisse, würden aber jeden Kunden verschrecken, verhießen sie allen Ernstes gutbürgerliche Attraktionen. Schließlich galt es als Akt der Befreiung, Bürgerlichkeit und bürgerliche Moral - verklemmt und unaufrichtig, wie es immer hieß - unschädlich gemacht zu haben. Frei nach Schiller wollen wir kein einig Volk von Spießern sein. Wer über genug Geld verfügt, hat Zutritt zu allen Kreisen, in denen sich Prominente treffen. Prominenz wird hergestellt von den Medien, durch Propaganda oder in der ausufernden Begegnungsindustrie mit ihren Events, die unmittelbar zu televisionären Ekstasen führen. Dennoch macht sich Heimweh nach Bürgerlichkeit bemerkbar, werden ununterbrochen bürgerlicher Geist und eine neue Bürgerlichkeit beschworen.
Die jungen, die aktiven Dynamiker wollen unbedingt als erfolgreich auffallen, aber nicht unfein wirken. Deswegen brauchen sie Zierrat, der im unverbindlichen Spiel mit bürgerlichen oder aristokratischen Reminiszenzen einen Stil vortäuscht, der sich allerdings im »personal design« erschöpft. In der Postmoderne ist alles Spiel im Wettbewerb der wechselnden Moden und »Lifestyles«. Darin äußert sich allerdings unverhohlen die Unbürgerlichkeit solcher rein ästhetischer Manierismen. Die neuen Bürger verweisen gerne und nicht ohne Pathos auf ihr Geld. Sie haben es durch Leistung erworben. Sie wollen sich schmücken, weil sie ununterbrochen in Systemen und Subsystemen funktionieren müssen. Die so genannte neue Bürgerlichkeit äußert sich deshalb im Willen zum Schönen. Geld ist dafür selbstverständlich die Voraussetzung. Es war schon immer etwas teurer, einen guten Geschmack zu haben. Dabei geht es nicht einmal mehr um den guten Geschmack, den keiner mehr näher zu bestimmen vermag, sondern um ganz unbürgerliche Effekte, nämlich das Ungewöhnliche, Unerwartete, das Sensationelle und das Pikante. Das ist eine Frage der Kostümkunde, der Schmuckarten oder überraschender Tischdekorationen und der innigen Vertrautheit mit Friseuren und Putzmacherinnen, die dem Willen zum Schönen erst seine charakteristische Eigenart vermitteln. Die wenigsten unter den Erfolgreichen und durch Erfolg Reichen haben ein großes Haus und wollen sich das dafür notwendige Personal leisten. Kultur ist eine Dienstbotenfrage, so lautete einst die klassische, adlig-bürgerliche Devise. Personal ist nicht nur teuer, es engt die Beweglichkeit, bei den wechselnden Bemühungen, sein Selbst durch phantasievolle Modellüberholung in aufregender Beweglichkeit darzustellen, ein. Es waren stets die Diener, die, um solche Willkür zu verhindern, ihre Herren streng auf das verpflichteten, was sich gehört, was man tut oder besser lässt.
Die deutschen Bürger, um die es hier geht, führen zurück in die erloschene und schon um 1900 erschütterte Bürgerlichkeit, in der Bildung und Seelenadel aus den unvermeidlichen Abhängigkeiten der Arbeitswelt hinüberleiten sollten in die Freiheit. Frei ist der Mensch, wenn er spielt, wie Schiller lehrte. Zu dieser freien Humanität gelangt er über eine Bildung durch Wissenschaft und Kunst, immer damit beschäftigt, sich dem Guten, Wahren und Schönen anzunähern. Dazu waren vor allem die klassisch Gebildeten, die »Akademiker«, berufen, in denen der Bildungsbürger seine ideale Verkörperung erkannte. Die Furtwänglers waren klassisch gebildete Akademiker. Andreas Furtwängler, der Sohn des Dirigenten Wilhelm, Professor für Archäologie in Halle, ist der Enkel eines Archäologen und der Urenkel zweier Altphilologen. Der Dirigent Wilhelm Furtwängler machte zwar die Musik zu seinem Hauptgeschäft, aber er war selbstverständlich vertraut mit Homer, den griechischen Tragikern und vor allem der griechischen Kunst. Die Universität Heidelberg hatte ihm 1926 den Ehrendoktor verliehen. Seitdem hieß er überall Dr. Wilhelm Furtwängler, womit er klar von den übrigen Musikern als eine spezifisch bildungsbürgerliche Erscheinung unterschieden wurde. Nur der Komponist des späten Bürgertums, der dessen Verfall erlebte und überlebte, Dr. Richard Strauss, legte mit dem Titel ebenfalls Wert darauf, als Akademiker behandelt zu werden. Er verstand sich durch und durch als Hellenist, immer wieder zurückkommend auf griechische Kunst, Literatur und Philosophie.
Bis zu ihrem allmählichen Verlöschen seit dem Ersten Weltkrieg hingen bürgerliche Lebensformen unmittelbar mit der Kenntnis des klassischen Altertums zusammen. Als Gebildeter konnte deshalb nur der klassisch Gebildete gelten, der Latein und Griechisch beherrschte und sich unter dem Eindruck des »griechischen Wunders« vom ewig Wahren und Schönen zum wahren Menschen verwandelte. »Lasst uns doch vielseitig sein, märkische Rübchen schmecken gut, am besten gemischt mit Kastanien, und diese beiden edlen Früchte wachsen weit auseinander«, rief der alte Goethe denen zu, die vor der Fülle des Lebens verzagten und als kleinliche Berufsmenschen fröstelnd im Kleinlichen bebten. Der Bürger Goethe kannte seinen »Klassenkameraden« gründlich. Werner, der Jugendfreund Wilhelm Meisters, ist der typische Bourgeois, das liberale, selbstsüchtige Individuum: »Das ist also mein lustiges Glaubensbekenntnis: seine Geschäfte verrichtet, Geld geschafft, sich mit den Seinen lustig gemacht und um die übrige Welt sich nicht mehr bekümmert, als insofern man sie nutzen kann.« Dem entgegnete Wilhelm mit der Frage: »Was hilft es mir, gutes Eisen zu fabrizieren, wenn mein eigenes Innere voller Schlacken ist? Und was, ein Landgut in Ordnung zu bringen, wenn ich mit mir selber immer uneins bin?«
Goethe bekümmerte es, dass der Bürger sich in der Regel vielleicht Verdienste erwerben würde, zur Not seinen Geist ausbildete, ohne aber darüber zur Persönlichkeit zu werden. Das meinte für Goethe, sich selbst einen vornehmen Anstand zu geben, der zu einem freien Anstand würde - wie beim Aristokraten, der eine feierliche Grazie bei gewöhnlichen, eine Art von leichsinniger Zierlichkeit bei ernsthaften Dingen wahrt und damit zeigt, immer und überall im Gleichgewicht zu stehen. Goethe war Realist genug, in der Verfassung der Gesellschaft die Ursachen für die Unzulänglichkeiten des Bürgers zu erkennen. Denn der Bürger »soll leisten und schaffen; er soll einzelne Fähigkeiten ausbilden, um brauchbar zu werden, und es wird schon vorausgesetzt, dass in seinem Wesen keine Harmonie sei, noch sein dürfe, weil er, um sich auf eine Weise brauchbar zu machen, alles übrige vernachlässigen muss«. Darin liegt die Schwierigkeit für jeden Bourgeois, den es aus der Enge, die ihm zugewiesen und in der er es sich behaglich macht, hinausverlangt und der nach harmonischer Ausbildung seiner Natur strebt, also nach dem höchsten Glück: zur Person zu werden und zur schönen Persönlichkeit, die sich gefällt, weil sie anderen zu gefallen vermag. Das Ideal erkannte man im attischen Bürger des perikleischen Zeitalters, der vorbildhaft Anmut mit Würde verband.
Über Umwege fand auch Wilhelm Meister in die Praxis, in den Beruf und musste sich äußerlich beschränken. Aber er hatte Geist und Sinne geübt, das Vortreffliche kennen und dasselbe vom Niederen unterscheiden gelernt. »Das ist mehr wert als der eigentliche Besitz; denn wir werden durch jene Bildung zur Teilnahme an allem Guten fähig«, wobei das Gute in sich auch das Schöne und Wahre einschließt. Die Vielseitigkeit im Inneren erlaubte es, sich äußerlich wieder einzuschränken. Damit ward die Überlegenheit des Inneren über das Äußerliche - eine christliche Idee - mit der geselligen Kultur verbunden und zugleich ästhetisiert. Denn die schöne Seele hat es nicht mehr mit dem Gott zu tun, der eins mit der Schönheit ist, sondern mit den schönen Künsten und den schön gefassten Ideen und Gefühlen. Friedrich Schiller nannte die Seelenbildung in diesem Sinne ausdrücklich »ästhetische Erziehung«.
Er hatte dem Bürger eindringlich geschildert, wie in der arbeitsteiligen Welt das gesellschaftliche Sein den Menschen als Menschen vernichtet und zerstückelt. Als Schlachtopfer des Fleißes, an ein kleines Bruchstück des Ganzen gefesselt, »bildet sich der Mensch selbst nur als Bruchstück aus, ewig nur das eintönige Geräusch des Rades, das er umtreibt, im Ohre, entwickelt er nie die Harmonie seines Wesens, und anstatt die Menschheit in seiner Natur auszuprägen, wird er bloß zum Abdruck seines Geschäftes«. Den Mechanismen des Marktes und des Verwaltungsstaates ausgeliefert, kann zumindest der Akademiker über die Bildung durch Kunst und Wissenschaft zur inneren Freiheit und Selbständigkeit gelangen. Beide haben die Schönheit zum Geschwister. Sie ist es, die zur Freiheit führt und zur Harmonie des Wesens, die bislang allein dem Adligen vorbehalten blieb, der mit sich selbst ein Bild des adligen Menschen entwarf.
So vermag der Akademiker die unvermeidlichen Folgen der Entfremdung von sich und seiner menschlichen Bestimmung abzuschwächen, wenn auch nie ganz zu überwinden. Er muss sich nur aus allen Einseitigkeiten lösen. Während der Spezialist, der Berufsmensch »in ewigem Geistesstillstand das unfruchtbare Einerlei seiner Schulbegriffe hütet«, kann er das Getrennte und Zersplitterte in seinem großen, ursprünglichen Zusammenhang sehen. Dabei sollte vor allem die Kunst helfen, gerade die Musik mit ihrer einzigartigen Macht, von der Schiller begeistert sang: »So rafft von jeder eitlen Bürde,/Wenn des Gesanges Ruf erschallt,/Der Mensch sich auf zur Geisterwürde/Und tritt in heilige Gewalt;/Den hohen Göttern ist er eigen,/Ihm darf nichts Irdisches sich nahn,/Und jede andre Macht muss schweigen,/ Und kein Verhängnis fällt ihn an,/Es schwinden jedes Kummers Falten,/Solang des Liedes Zauber walten.«
Mit Gesang meinte Schiller, ein sehr musikalischer, an der heroischen Oper geschulter Kopf, die Musik überhaupt, Polyhymnia, die Sprache der Seele. Schiller stiftete den einzigartigen Kult der Musik unter den Deutschen. Noch der Komponist in der Ariadne auf Naxos von Hugo von Hofmannsthal und Richard Strauss verkündet verzückt: »Musik ist eine heilige Kunst,/Zu versammeln alle Arten von Mut wie Cherubim um einen strahlenden Thron!/Und darum ist Musik die heilige unter den Künsten.« So sagten es seit Schiller Philosophen, Dichter oder Komponisten. Das reine Gefühl, die menschlichen Urlaute, die Natur des Menschen mit all ihren Leidenschaften, Sehnsüchten, Hoffnungen und Enttäuschungen drücke allein die Musik unverfälscht, weil unmittelbar aus. In der Musik sprach und dachte, fühlte und träumte Gott-Natur im natürlich-göttlichen Menschen. Sie war und ist die allgemeine Sprache allgemeiner Menschlichkeit. In ihr äußert sich rührend und überschwänglich das religiöse Bewusstsein der ursprünglichen Einheit alles Lebenden. Davon waren von Schelling über Hegel bis zu Schopenhauer und Nietzsche deutsche Philosophen überzeugt.
Diese deutsch tönende Ethik bezwingt die Herzen, führt über die Schönheit zum Wahren und damit zum Guten, sie heiligt als heilige Kunst den ergriffenen Zuhörer und macht den Sänger wie in der Antike zum Seher und Propheten. Sie ist die Sprache der innersten Philosophie, des gleichsam nachtwandlerischen Bei-Sich-Seins des Menschen, während dem er zu den letzten Geheimnissen der Welt vordringt und sich die dunkelsten Verliese aufschließt. Die Musik ist die allgemeinste Sprache, in ihr spricht die Menschheit mit sich selber - vorzugsweise über deutsche Vermittler. Deutsche hielten damals ihre Sprache für keinen abgeleiteten Dialekt, wie die übrigen modernen Idiome, sondern für eine Originalsprache. Nur dem Griechischen vergleichbar, der musikalischen Sprache eines ungemein musikalischen Volkes, könnte sie des Geistes und der menschlichen Natur unermessliches Reich am besten umfassen, woher die auffällige Begabung der Deutschen käme, sich musikalisch fein und vollendet auszudrücken.
Dadurch wurde nach ihrer Auffassung die heilige Kunst der Musik, die mächtige Sprache der Menschheit, zu einer besonderen Kunst der Deutschen. Sie dienen mit ihrer Musik der Menschheit und machen alle Menschen zu Brüdern, wo der Freude schöner Götterfunken, entzündet von Deutschen, die Seelen erglühen lässt und zur Umarmung aller treibt. Der deutsche Nationalismus erhielt über solche Spekulationen einen durchaus kosmopolitisch-humanitären Zug. Deshalb ist es nicht weiter verwunderlich, dass die Akademiker als liberale Nationalisten in der Musik ein Mittel zu einer ganz anderen Internationale sahen, die sich im Konzertsaal unter Anleitungen deutscher Exegeten täglich neu konstituierte. Die deutsche Musik als Völker und Räume übergreifendes Signal wurde zu einer ästhetischen Internationale, zum Sozialismus der Kulturträger, die als Friedensfreunde sämtlichen Gefühlvollen und Ergriffenen zujauchzten: Enthusiasten aller Völker, vereinigt Euch.
Richard Wagner, der Zögling des klassischen Gymnasiums, entwickelte unter solchen Anschauungen eine Zukunftsmusik, die der KPdSU auf ihren Parteitagen - eröffnet mit dem Vorspiel zu Rienzi - so unentbehrlich war wie Die Meistersinger der NSDAP oder Tristan und Isolde dem bürgerlichen Individuum, das aus dem Labyrinth in der eigenen Brust nicht mehr herausfand. Musik ist eine so allgemeine Sprache, dass sie für alle Zwecke eingesetzt werden kann, ohne die Übereinstimmung mit ihren eigenen Regeln und Gesetzen zu verlieren. Alle Personen im Umkreis der Furtwänglers, Akademiker im Austausch mit Akademikern, glaubten an die Kunst, an die sittliche Macht des Schönen und damit an die versittlichende Kraft der deutschen Musik. Wer von Beethoven überwältigt war, konnte kein Unhold sein, bestätigte er doch damit seine Fähigkeit, ein fühlender Mensch unter mitfühlenden Menschen zu sein. Als bürgerliche Ästheten waren sie unablässig - jenseits ihres Berufes - damit beschäftigt, die Welt zu ästhetisieren, ihre Seele empfangsbereit zu halten auch für die raffiniertesten Reize, um ins Schöne auszuweichen hinüber zur Trösterin Frau Musica, sofern der Lärm der aufgeregten Zeit sie allzu aufdringlich belästigte.
Keine spätbürgerliche Person hatte zur Harmonie ihres Wesens gefunden. Die Furtwänglers, ihre Verwandten und Freunde waren zerrissene Naturen, von Melancholien, Schlaflosigkeiten und Kopfschmerzen geplagt. In den künstlichen Paradiesen, wie sie die Musik bereithält, erholten sie sich von des Lebens Mühe und Alltäglichkeit. Die einzig glückliche unter all diesen früh gereiften, zarten und traurigen Bürgern ist Märit Furtwängler, die - ohne an Brünnhilde und die bürgerliche Stilisierung der Gefühle zu denken - ihrer leidenschaftlichen Liebe konsequent folgte. Das musste sie unweigerlich mit dem Unglück bekannt machen, was sie aber nicht niederdrückte. Sie hatte mit dem Philosophen Max Scheler ein vorübergehendes und unvergessenes Glück erlebt.
Das schützte sie davor, als Mühselige und Beladene ein Surrogat für das Glück in einem »Furtwängler-Konzert« zu suchen, wie so viele von der Banalität des Daseins enttäuschte sublime Seelen.
Die meisten Bürger, und von typischen Repräsentanten dieser Klasse während ihres Verfalls handelt dieses Buch, gelangten nie zur erwünschten Harmonie mit sich selbst, weil überfordert von den Ideen zur ästhetischen Erziehung der eigenen Person mitten in einer industriellen Welt und den zu ihr unvermeidlich gehörenden Massen, die nicht mehr wie der Chor in der Oper im Hintergrund für liebenswürdigen »Lokalkolorit« sorgten. Sie waren vielmehr Arbeiter, Proletarier und verlangten ohne Rücksicht auf bürgerliche Nerven ihren Teil vom steigenden Wohlstand, um sich ihrerseits zum freien Menschen bilden zu können. In dieser als hässlich empfundenen, spannungsreichen Umwelt fanden sich betrübte bürgerliche Ästheten nicht mehr zurecht. Statt den schönen Menschen in wunderbarer Anmut wie im klassischen Athen entfesselte die bürgerlich-kapitalistische Gesellschaft zu ihrem Entsetzen den ehrgeizigen »Spießer«, der dem Ratschlag von Goethes Werner folgte, stets auf das Nützliche bedacht zu sein.
Die Akademiker hingen am Besitz, sammelten Kunst oder alte Bücher und vor allem Erlebnisse als inneren Besitz unter mannigfachen ästhetischen Eindrücken. Sie wandelten zu ihrem Kummer unter Einseitigen, unter Berufsmenschen, die nicht auf den Geist Schillers, Goethes oder Wagners hörten, der alles versöhnt und übertönt. Verließen die Philister, diese bourgeoisen Funktionselemente, ihre geschäftliche Welt, wechselten sie nur hinüber in den durch und durch industrialisierten und kommerzialisierten Kulturbetrieb. Wer als Bildungsbürger unter seinesgleichen bleiben wollte, mied sogar bald den Konzertsaal und trieb nach dem ästhetischen Tee Hausmusik mit Gleichgesinnten.
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