Packend. Gut recherchiert. Feine ausgewogene Sprache.
Bisher war ich der Meinung, ich könne ein True-Crime-Buch nicht mit 5 Sternen bewerten. Einfach aus Prinzip. Weil ich denke, es ist keine "richtige" Literatur.
Aber nun revidiere ich das. Denn ich habe soeben das dritte Buch des Autors gelesen, und werde sicher noch ein weiteres bestellen.
Na, wenn das keine 5 Sterne verdient hat!
Obwohl "True-Crime", verpackt der Autor die "Geschichten" in genre-typischer Schreibe. Er lässt uns manchmal nur soviel wissen, wie die ermittelnden Beamten zu dem Zeitpunkt wussten. Auf diese Weise wird die Rätsel-Lust gepackt. War es der? Oder war es der?
Und ebenso, wie wirkliche Ermittler durch neue Spuren auf neue Ideen gebracht werden, folgen auch wir Leser den Erkenntnissen der Forensiker und Rechtsmediziner.
Manchmal werden die Taten aus Sicht des Täters beschrieben.
Manchmal sind es wahre Tragödien, ausgelöst durch Zufälle. Zur falschen Zeit am falschen Ort.
Ich denke, es ist nicht angemessen, im Angesicht wahrer Fälle, wahrer Morde, und wahrer Trauer der zurückbleibenden Familien, von hochklassiger Unterhaltung zu sprechen. Aber der Autor schafft es, auch mittels seiner sprachlichen Fähigkeiten und seines Wortreichtums, wirkliche, gute Kriminalunterhaltung abzuliefern.
Im Gegensatz dazu möchte ich ein negatives Beispiel erwähnen. Auf meinem Nachttisch liegt seit 18 Monaten ein Buch von John Douglas und Mark Olshaker, der Titel lautet "Die Seele des Mörders". Dieses Buch ist sprachlich so grottenschlecht, dass ich es nach jeweils zwei oder drei Seiten weglegen muss, weil es mich schüttelt. Da stellen sich mir die Zehennägel auf.
Herr Girod hingegen macht seinen Job als Autor auf eine sehr feine, mitfühlende, menschliche und handwerklich einwandfreie Weise, so dass ich ihn mit 5 Sternen bewerten möchte.
Ich füge hier eine meiner Besprechungen eines anderen Girod-Titels an, denn diese Besprechnung gilt eigentlich für alle drei Bücher, die ich bisher von ihm las:
"Dieser Mann schreibt unglaublich kompetent und sachlich, und dabei wirklich spannend, über authentische Mordfälle der DDR. Ganz nebenbei erzählt Herr Girod vom Alltag in der DDR, von kleinen Leuten, gescheiterten Existenzen, die durchs sozialistische Raster fielen, von packenden Ermittlungen, staatlicher Überwachung und sozialer Kontrolle - das alles macht er erfrischend wertfrei, so dass ich als Wessi beim Lesen wirklich viel über dieses untergegangene Land lernen kann.
Die Taten an sich werden ruhig beschrieben. Nie bauscht der Autor etwas auf, nichts ist reißerisch.
Das alles macht seine Bücher zu einer spannenden, auch zeitgeschichtlichen, Lektüre für Menschen, die sich für die Feinarbeit kriminalpolizeilicher Ermittlungen interessieren."