Zunächst einmal: Ich erwarte keine Hochliteratur, wenn ich einen Thriller lese. Ich möchte einfach nur gut unterhalten werden. Auch ein Michael Crichton war nie und wird nie ein Ernest Hemingway sein. Solang der Fortgang der Geschichte halbwegs schlüssig ist und fesseln kann, bin ich schon glücklich.
Aber das, was man in diesem Roman von José Carlos Somoza geboten bekommt, habe ich schon lange nicht mehr erlebt.
Die Handlung selbst - sie wird in anderen Rezensionen bereits ausreichend beschrieben - ist durchaus OK und interessant genug, um bis zum Ende lesen zu wollen.
Ich habe keine Ahnung von Physik und auch kein Problem damit, mal eine Erklärung einfach so zu akzeptieren, auch wenn ich sie nicht verstehe. Unter anderen Umständen hätte ich das Ganze wahrscheinlich für eine sehr originelle Thrilleridee gehalten. Dafür gibt es auch den Stern.
Aber dann:
Ich weiß nicht, ob es der Schreibstil des Autors ist oder die Übersetzung. Wahrscheinlich ist es eine Mischung aus beidem, doch eine solche Anhäufung von überflüssigen Wiederholungen von Informationen, Plattitüden, Allgemeinplätzen und hölzernen Ausdrucksweisen gab es selten.
Da ist das wiederholte - auch in anderen Rezensionen erwähnte - Andeuten von drohendem Unheil. Das geschieht so oft, dass ich in erster Linie genervt war, zumal die Auflösung dieser Ankündigungen entweder gänzlich ausblieb oder stark hinter den aufgebauten Erwartungen zurückfiel.
Die häufige und detaillierte Beschreibung von weiblichen Geschlechtsmerkmalen könnte man noch wohlwollend als der Geschichte dienend bezeichnen. Die Information, wann und zu welchen Gelegenheiten einige der Protagonistinnen einen Büstenhalter oder Slip tragen oder nicht, ist schier überflüssig und erweckt den Eindruck, als ob der Autor ein Pubertierender wäre oder sich ständig in geifernden Altmännerphantasien verliert.
Dann gibt es unzählige Stellen im Buch, bei denen nicht klar ist, ob es die Wortwahl bzw. Formulierung des Autors oder der Übersetzerin ist, die vollkommen fehl am Platze ist:
''"... Sie [Elisa - d.A.] hatte sich diametral verändert. '..."'
"... ''nur ein willkommener Vorwand, ihr den Arm um die Schulter zu legen. 'Im Unglück vereint' fiel ihm als weiteres Schlagwort ein. ''..."
"...'' Elisa fiel eine Redewendung ein. Jetzt werden wir die Karten auf den Tisch legen. ..." ''
Mindestens ebenso anstrengend und ärgerlich wie peinlich: die Häufigkeit von absolut lächerlichen Vergleichen. Ein Auszug:
''"... In ihrem Kopf zersplitterte die aufkeimende Lust wie hauchdünnes Glas unter dem Tritt eines ausgewachsenen Elefanten. '..."'
''"... mit der Behutsamkeit, als wollte er die Blütenblätter einer Rose öffnen, um darin eine Biene zu fangen. '..."'
"...'' aber Blanes' Theorie hatte ihn aus der versteinerten Zeit herausgelöst wie der Bergmann einen Kohleflöz." ''
Alles in allem wirkt der Schreibstil größtenteils wie eine Mischung aus der Abenteuerprosa und den feuchten Träumen eines Zwölfjährigen. Das ging so weit, dass ich beim Lesen in der Bahn Angst hatte, mein Nebenmann würde mitlesen, was mir äußerst peinlich gewesen wäre.
Wie man an den anderen Rezensionen erkennen kann, gibt es offenbar genügend Leser, die sich an solcherlei Dingen nicht stoßen. Das ist auch in Ordnung. Ich möchte hier nur diejenigen, die dem Schreibstil vielleicht mehr Aufmerksamkeit schenken, dazu ermuntern, vor dem Kauf lieber mal ein paar Seiten Probe zu lesen. Die Dichte an weiteren Beispielen wie oben ist hoch genug, dass man zwangsläufig darauf stößt, wenn man 4 Seiten liest.