Auf über 3000 Seiten schildert der Autor Walter Kempowski die Ereignisse vom 12.01. bis zum 12.02.1945. Die letzte Phase des 2. Weltkrieges wird - wie in der gesamten Echolot-Ausgabe - durch die bruchstückhaften Zeugnisse bekannter und unbekannter Zeitgenossen geschildert. Tagebuchaufzeichnungen, kurze Berichte, Meldungen oder Radioprogramme werden kommentarlos nebeneinander gestellt. Man erfährt Banales, Privates, Geschichtliches, Schockierendes, Rand- und Kerngeschehen aus den letzten Monaten des Krieges.
Die "Patchwork-Methode" von Walter Kempowski ist vielleicht zunächst gewöhnungsbedürftig. Manchmal auch etwas anstrengend. Vielleicht schreckt auch die Tatsache, dass im Schnitt jeder beschriebene Tag etwa 100 Seiten füllt.
Aber ich habe - wie schon in den bisherigen Folgen des "Echolots" - noch nie eine so dichte, plastische und eindrucksvolle Darstellung der jüngeren Geschichte gelesen. Durch den Mund der vielen Zeitzeugen entsteht ein nachvollziehbares, vielschichtiges und eindringliches Bild der damaligen Zeit. Berichte von Exilanten stehen neben den Schilderungen versprengter Soldaten, siegreicher Rotarmisten, fliehender Zivilisten, leidender KZ-Häftlinge, Äußerungen führender Nazi-Größen usw.
So entsteht ohne Kommentierung oder Begleittexte tatsächlich das, was der Autor mit dieser Art der Zusammenstellung von Einzelzeugnissen bezweckt hat: ein kollektives Tagebuch.
Die dramatische Zeit der Winteroffensive der russischen Armee, der Evakuierung Ostpreußens, Schlesiens, Posens wird durch die Einzelzeugnisse aus unterschiedlichen Perspektiven nachvollziehbar und ein Stück weit "erlebbar". Die Lektüre fesselt, empört, macht wütend oder traurig. Es ist nicht mit dem Lesen eines Sachbuches über diese Zeit, auch nicht mit dem Erlebnisbericht einer Einzelperson vergleichbar. Hier wird der Leser in sehr unterschiedliche Perspektiven, Lebensentwürfe oder Denkmodelle hineingenommen.
Ich habe den ersten Band der vierbändigen Kassette "verschlungen" und nähere mich gerade dem Ende des 2. Bandes. Die Lektüre hat einen gewissen "Suchfaktor", sofern sich der Leser für die jüngere Geschichte und insbesondere die erlebten Geschichten von Zeitzeugen interessiert.
Nachdem ich einzelne Bücher der "Echolot-Reihe" gekauft und gelesen hatte, war mir klar, dass ich auch diese Kassette mit 4 Bänden trotz ihres stolzen Preises unbedingt haben musste. Den Kauf habe ich zu keinem Zeitpunkt bereut. Vielmehr bin ich fest entschlossen, auch die weitere vierbändige Kassette, die mir bisher noch fehlt, in naher Zukunft zu erwerben.
Wer noch nicht sicher ist, ob ihm diese Art der Geschichtsdarstellung behagt, sollte mit einem Einzelband der "Echolot-Reihe" anfangen.