Vor etwa zwei Jahren nun habe ich Richard Powers und seine eindringliche, fein gedrechselte Sprache entdeckt. "Das Echo der Erinnerung" war dabei das erste Buch, das ich nicht im Original gelesen habe - und die erste, sehr angenehme Überraschung erlebt habe: Die deutsche Übersetzung ist grandios und ebenso virtuos, wie Richard Powers es im Original (vermutlich) ebenfalls ist.
Mein Tip: Die ersten Zeilen lesen - wen diese Beschreibung der Ankunft der Kraniche nicht beeindruckt, wer kein Bild vor Augen hat, als säße er vor einer Leinwand, auf der sich das geschriebene Wort visuell widerspiegelt, wer sich nicht schon die ganz leise Ahnung eines eigentümliches Sogs spürt, den diese Worte ausüben ... für den ist dieses Buch womöglich nichts. Oder zumindest nicht aufgrund der eindringlichen Sprache.
Das Thema jedoch geht genauso tief - beklemmend auf der einen Seite, aber faszinierend und mitreißend dabei. In kurzen Worten widergegeben: Bruder und Schwester aus beengenden und beengten Verhältnissen einer dunklen Kindheit im ländlichsten, verlassensten Eck der USA sind mittlerweile erwachsen. Die Schwester ist auch - unter großen Mühen - der Kleinstadt der Kindheit entwachsen, der Bruder scheint irgendwann resigniert und sich Perspektivenlosigkeit ergeben zu haben.
Beide werden aus ihrer inzwischen auseinandergedrifteten Welt gerissen, als der Bruder einen Autounfall hat, die eine schweren Schädel-Hirn-Verletzung verursacht. Die Schwester fühlt sich ihm verpflichtet, ihrer Familie, ihrer Kindheit, ihrer angestammten Welt verpflichtet und eilt, halb getrieben, halb widerwillig, zurück, um sich aufopferungsvoll um ihren Bruder zu kümmern.
Das von Anfang an leicht selbstquälerische Unterton in der Motivation der Schwester wird immer quälender, auch für den Leser, als sich herausstellt, daß die Genesung des Bruders nur bis zu einem bestimmten Punkt voranschreitet. Dann stellt man fest, daß er eine seltene neurologische Störung davongetragen hat, die dazu führt, daß gerade die Menschen, denen man emotional am nächsten steht, in einem quasi amnestischen schwarzen Loch der Erinnerung begraben werden: Er erkennt seine Schwester nicht als die, die sie ist, glaubt an eine Verschwörung der CIA, die eine Schauspielerin auf ihn angesetzt hat, fühlt sich gehetzt und verfolgt, ohne zu wissen, welches Geheimnis er denn in sich tragen soll und ob er dieses nur auch vergessen habe --- und fügt dabei seiner Schwester tiefste und schmerzhafteste Verletzungen zu, ohne zu erkennen, daß es tatsächlich sie ist, der er diese zufügt, da sie ja eine vermeintlich andere ist. Der er immer wieder zeigt, wie unzulänglich sie ist, während er seine verloren geglaubte Schwester in höchsten Tönen lobt.
Der Tanz der Geschwister bei der beidseitigen Suche nach der früheren Nähe, ein Tanz, den das wiederkehrende Motiv der wiederkehrenden Kraniche spiegelt - der verzweifelte Tanz, bei dem sie gleichzeitig immer wieder von einander angezogen werden uns sich gegenseitig abstoßen, ist ebenso beklemmend wie faszinierend. Man leidet mit, hofft mit - und weiß doch eigentlich, daß alles Hoffen vergebens ist. Denn sie sind sich schon so nah, wie sie einander sein wollen - können es jedoch nicht erkennen.
Ein bitteres Lesevergnügen, aber eben doch genau das: ein großes Vergnügen.