Trotz seines unschätzbaren Beitrags zur englischsprachigen Literatur, obwohl er die Kurzgeschichte nach Europa brachte, obwohl er seinerzeit sein Publikum schockierte, in dem er Umgangssprache aus dem Biwak in seinen Büchern verwendete, und obwohl wir ihm zahlreiche wunderbare Gedichte verdanken, hat sich Rudyard Kiplings Ruf nach seinem Tod nie wieder erholt, ja nicht einmal ansatzweise wiederhergestellt. Seine Gegner zitieren in der Regel nur sein einzig streitbares Gedicht "The White Man's Burden", um ihn als Reaktionär, Imperialisten, Rassisten abzustempeln - der Rest seines umfangreichen Gesamtwerks hat neben einer solchen Totschlagargumentation keinen Bestand. Dabei will man es ja gar nicht abstreiten, Kipling war überzeugt von dem kolonialen Auftrag Englands, aber er hat dieses Gedankengut ja nicht erfunden, er war lediglich Produkt einer imperialistischen Epoche, deren Sprachrohr er wurde.
Wer also seine eigenen, von einer ideologisierten Literaturkritik eingetrichterten Vorurteile überdenken und sich von den Möglichkeiten dieses Erzählers überzeugen möchte, der muss zu den "Dschungelbüchern" greifen. Diese Sammlung von Kurzgeschichten (Disney verwendete nur einen Bruchteil davon für den berühmtesten Zeichentrickfilm aller Zeiten) versprüht von der ersten bis zur letzten Zeile eine Kraft und Lebenslust, die einen auch als erwachsener Leser ganz einnimmt. Jedes Tier im Dschungel ist in Charakter und Eigenheiten bis ins kleinste Detail getroffen: Von den schnatterhaften Affen, die "alles was wir hören, sofort weitererzählen", zu den gutmütigen Elefanten im britischen Lager, zu dem heldenhaften Mungo Rikki-Tikki-Tavi der im Bungalow einer Familie eine Schlange bekämpft ' wenn Kipling schreibt, dann kann man die Atmosphäre buchstäblich riechen.
Trotz seiner Sympathie für die Tierwelt und obwohl der Autor durchaus unterschwellige Kritik an Brandrodung und Verstädterung des unberührten indischen Dschungels äußert, ist dieses Buch in erster Linie ein Lobgesang auf menschliche Entschlusskraft und Tatendrang. Mowgli beginnt als "nackter Affe", als schwächliches, ausgesetztes Waisenkind in einer feindseligen und unbarmherzigen Umgebung, und er wächst heran zum Herrn des Dschungels; er respektiert jedes einzelne Tier, aber er ist auch Herr über alle Lebewesen.
Kiplings streitbare Äußerungen über den Kolonialismus sind mit keinem Wort kleinzureden, ebenso wenig wie die Untaten, die in dieser historischen Phase geschahen; aber ohne diesen Autor hätte die Welt niemals eine so reiche Beschreibung aus dieser historischen Phase erhalten: Und die Weltliteratur wäre um ein großes Geschenk ärmer.