Mit "Das Dritte Reich" legt der Hanser Verlag nun erstmalig einen aus dem Nachlass veröffentlichten Text des Exilchilenen Roberto Bolaño, 2003 viel zu früh in Barcelona gestorben, vor. Es handelt sich um einen frühen Text des Autors von "2666", der als Erneuerer nicht nur der spanischsprachigen Literatur gilt und dessen Werk sowohl Kultstatus genießt als auch in der Literaturkritik große Anerkennung findet. Nachdem der zuletzt, ebenfalls nach Bolaños Tod publizierte "Lumpenroman" ein geteiltes Echo hervorgerufen hat, durfte man dieser Veröffentlichung mit großer Spannung entgegensehen. So auch ich.
Etwas ungewöhnlich, aber ich möchte eingangs auf dieses Buch als Druckprodukt zu sprechen kommen. Ein außergewöhnlich schöner und praktischer, jackenloser Leineneinband mit einem bemerkenswert irreführenden Werbetext. Kennte ich Bolaño nicht, ich hätte dieses Buch nicht gekauft noch gelesen. Ich interessiere mich keineswegs für Strategiespiele, zumal wenn es sich um Simulationen des Zweiten Weltkriegs und derlei handelt. Bolaño tat dies offenbar, sein gutes Recht. Mitnichten aber steht das Kriegsspiel "Das Dritte Reich" (das scheint es tatsächlich zu geben) im erzählerischen Vordergrund und Kern dieses Romans, wie der Klappentext suggeriert. Lassen Sie sich also von der Kurzbeschreibung und dem Titel, von dem mir unbekannt ist, ob Bolaño ihn zu Lebzeiten tatsächlich gewählt hätte, nicht abschrecken. Oder übermäßig anziehen. Das Spiel ist wichtig, letztlich titelgebend, jedoch ...
Der Deutsche Udo Berger, mittlerer Angestellter und leidenschaftlicher Brettspieler mit Vorliebe für strategische Kriegsspiele, verbringt den ersten gemeinsamen Urlaub mit seiner Freundin Ingeborg. Und zwar dort, wo die Deutschen, die West-Deutschen, das Geschehen findet in der Vorwendezeit statt, für gewöhnlich Urlaub machen: an der spanischen Mittelmeerküste, pauschal, Hotel am Strand, standorttreuer, erlebnisferner Tourismus in der Hochsaison. Udo war dort bereits mehrfach in seiner Kindheit, kennt das Hotel und erinnert die Chefin. Er spricht Spanisch und ist jetzt in den Zwanzigern.
Auf dem Weg, seine Leidenschaft zum Beruf zu machen, veröffentlicht Udo Essays und Kommentare zu Strategiespielen in Fachzeitschriften und ist als frisch prämierter Landesmeister im Olymp der deutschen Szene angekommen. Es ärgert ihn, dass seinen Beiträgen mitunter sprachliche Unzulänglichkeit vorgeworfen wird. Er entscheidet, seinen Stil und seine Reflexionsfähigkeit durch das Führen eines Tagebuches zu verbessern. Es ist dieses teils in unbeholfen-martialischer, teils in aufgesetzter Sprache geführte Tagebuch einiger hochsommerlicher Tage in den 80ern, das hier in Buchform erscheint.
Zunächst läuft alles wie erhofft, Udo und Ingeborg verstehen sich gut, rücksichtsvoll beschäftigt er sich lange kaum (!) mit dem mitgebrachten Spiel und den zu schreibenden Analysen. Obwohl nicht nach seinen Interessen, sickert der banale Spaßtouristenalltag durch die unvermeidliche "Freundschaft" mit dem Pärchen Hanna und Charly (die beiden kennt jeder von uns) in seine Pläne. Ingeborg zuliebe geht er, wenn auch mit innerer Distanz, an den Strand, in Kneipen und nachts in die örtlichen Discotheken. Eine oberflächliche Ruhe, die durch die Bekanntschaft mit Einheimischen zunehmend aus der Bahn gerät, zumindest kommt es ihm so vor. Da sind El Lobo und El Cordero (Der Wolf und das Lamm!), zwar suspekt, deren Feierlaune aber die anderen drei ansteckt. Es gibt die abweisenden Angestellten des Hotels, die attraktive Frau Else als Chefin - zu der er permanent Kontakt sucht - und ihr unsichtbarer Mann. Dann ist da noch "Der Verbrannte", ein monströs entstellter Verleiher von Tretbooten, wortkarg, geheimnisvoll, des Nachts eingebunkert in einer Festung aus, nun ja - Tretbooten. Er ist es, der Udos Interesse weckt. Da ist er, der bolañoeske Ton, vage Vermutungen, Mutmaßungen über Verschwörungen gegen ihn, das Gefühl, beobachtet zu werden, seltsame Missstimmungen, die Udo in seinem Tagebuch festzuhalten versucht. Die alkoholischen Nächte werden immer haltloser, es gibt Entgleisungen, und solche, die Udo nur vermuten kann. Als Charly beim Surfen verschwindet, ist die noch zwanghaft erhaltene Urlaubsstimmung vollends hinüber.
Ingeborg reist ab, sie und auch Udo müssen ohnehin in den nächsten Tagen wieder arbeiten. Udo bleibt, vordergründig, um die Leiche seines "Freundes" zu identifizieren, wenn sie denn gefunden wird. Nun verbindet ihn mit Charly wahrlich keine Freundschaft, seine Gründe zu bleiben sind also anderer Natur.
Mit Ingeborgs Abreise und - saisonbedingt - der der meisten Touristen, verändert sich alles und auch Udo. Sein Leben in Deutschland, die Realität, rückt immer ferner, seine Motive kann oder will er auch im Tagebuch nicht formulieren. Seine Beziehung zum Verbrannten wird stärker, mit ihm verbringt er fortan die Nächte und - ja, jetzt spielt er, spielt mit dem Verbrannten eine große, vielleicht alles entscheidende Partie "Das Dritte Reich". Zwar ein Anfänger, erweist sich der Verbrannte als geschickt, von irgendwoher bekommt er Unterstützung (oder nicht?). Udos Truppen, die Alliierten, verlieren zunehmend an Boden, so auch Udo ... Charly wird gefunden, Udo bleibt. In Deutschland macht man sich Sorgen über seinen Zustand, aber das Spiel muss zu Ende gespielt werden. Von Frau Elses todkrankem Mann, den er schließlich trifft, erfährt er, dass es um nicht weniger als um Leben und Tod geht. Denn "der Verbrannte ist nicht zu unterschätzen". Was geschieht, wenn er gewinnt? Wenn er verliert?
In diesem Frühwerk Bolaños zeichnet sich einiges ab, was er später perfektionieren sollte. Ein Faustschlag, ein Kuss, Gerüchte, ein Traum ... die scheinbar grundlosen, beklommenen Stimmungen und Feindseligkeiten, versteckte Rohheit, Sex und Vergewaltigung, Verschwörung und Wahnsinn. Die Tagebuchform scheint mir für die Geschichte, für die Entwicklung Udos bestens geeignet, die Figuren sind überzeugend, allein das Brettspiel als Austragungsort für das Schicksal Udos will mir nicht gefallen. Das Spiel ist das bindende Glied zwischen ihm und dem Verbrannten, ihre Beziehung. Als Bild oder Symbol aber, als echte Parallelität zu Udo Bergers Leben hat Bolaño "Das Dritte Reich" (also: das Spiel) bewusst oder unbewusst dann doch nicht ausreichend angelegt und eingebunden - oder es ist mir entgangen. Die Beschreibungen des Spielverlaufs bleiben für mich technisch und geographisch, meinethalben militärtaktisch. Für eine echte Spielernatur scheint mir Udo Berger zudem viel zu sensitiv und aufmerksam, sogar sein weiteres Umfeld und seine Wirkung stets beobachtend und beschreibend.
Ich bin und bleibe dabei, dass Roberto Bolaño uns die waghalsigste und aufregendste Literatur der letzten Jahre hinterlassen hat, aber mit "Das Dritte Reich" wird uns nach dem "Lumpenroman" erneut ein schwächeres Werk vorgelegt. Wer sich als Einstieg in die Bolaño-Welt vor den großen Meisterwerken "2666" und "Die wilden Detektive" fürchtet (dazu gibt es allerhand Grund, der mit dem Umfang so gar nichts zu tun hat), empfehle ich "Stern in der Ferne" als Lektüre. Überflüssig zu erwähnen, dass auch ein schwächerer Bolaño absolut lesenswert ist. Fahren Sie in den nächsten Tagen in den Urlaub nach Spanien?