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Evans nimmt einen langen Anlauf -- und hat hoffentlich auch einen langen Atem. Der renommierte Historiker legt mit dem Aufstieg das erste Buch seiner auf drei Bände konzipierten Reihe über das Dritte Reich vor; erneut also eine Darstellung deutscher Geschichte aus englischer Sicht.
Der Band umfasst die Zeit von der Reichsgründung 1871 durch Reichskanzler Bismarck über den Ersten Weltkrieg, die Weimarer Republik bis zur Übernahme der Macht durch die Nazis 1933, den dann sofort einsetzenden Terror (allein bis Jahresende gab es 100.000 Verhaftungen und 600 Tote) und die Zerstörung der Demokratie. Evans beschreibt auf der Grundlage zahlreicher Quellen und Belege eindringlich, wie es den Nationalsozialisten in kurzer Zeit gelang, eine Ein-Parteien-Diktatur in Deutschland zu errichten.
Nicht nur Historiker, Lehrer oder Politikwissenschaftler will dieses Werk erreichen, sondern auch Leser, die "nicht oder nur wenig über das Thema wissen und gerne mehr erfahren möchten". Wer aber nun ein schlichtes Buch erwartet, so Die Zeit in ihrer Rezension, "wird angenehm enttäuscht". Und Ian Kershaw, Autor der jüngsten Hitler-Biographie, bescheinigt dem Kollegen Evans und seinem Aufstieg eine scharfsinnige Analyse und stilistische Eleganz. Der von Evans betriebene Aufwand war immens: Das belegen allein 160 Seiten (von 752 Druckseiten) Literaturhinweise, Anmerkungen und Personenregister allein im ersten Teil der Trilogie. Der Leser registriert einen solchen "Service" mit Freude. -- Mathias Voigt
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Zielgruppe, so der Autor, sei der interessierte Laie, nicht der Wissenschaftler, dem er in der "erzählenden Darstellung" - die er in ausdrücklichen Gegensatz zur analytischen, von Sozialwissenschaftlern entlehnten Methode stellt - diese Aspekte vermitteln wolle.
Die Aufgabe, eine Mentalitätsgeschichte der Deutschen zwischen Bismarck und Hitler zu liefern und damit den Menschen in den Blickpunkt zu nehmen, ist dem Autor zwar gelungen. Gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Aspekte kommen in dieser Darstellung jedenfalls zu kurz. Plessners Verdikt von der "verspäteten Nation", bereits aus dem Jahre 1959 (Erstfassung 1935), die die kultur- und geistesgeschichtlichen Ursachen der deutschen Katastrophe, nämlich die Ungleichzeitigkeit der demokratischen Entwicklung untersucht, bleibt ausgespart. Der Gegensatz zwischen Aufklärung und Nationalsozialismus, bei Plessner hervorragend herausgearbeitet, kommt als geistesgeschichtliche Ursache des Nationalsozialismus nicht vor. Deutschland hatte - wie Heinrich August Winkler zu recht bemerkt - auch unter der Ungleichzeitigkeit der Demokratisierung zu leiden, da ein konstitutioneller Verfassungsstaat in Preußen aufgrund von Bismarcks Weigerung, die Macht des Kaisers zu beschneiden, im Gegensatz zu England nicht beschritten wurde. Andererseits verfügte Deutschland bereits auf nationaler Ebene seit 1871 über das allgemeine gleiche Wahlrecht.
Zu kurz kommt mir auch das "antidemokratische Denken in der Weimarer Republik", welches Kurt Sontheimer so hervorragend herausgearbeitet hat.
Wirtschafts- und Gesellschaftsgeschichte, wie sie etwa bei Heinz Höhne: "Gebt mir vier Jahre Zeit" eindrucksvoll herausgearbeitet werden, fehlen völlig. Charakteristisch ist die kursorische Behandlung der deutschen Revolution 1918/19. Es war doch gerade die "Krux" der Republik von Weimar, dass sich auf wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Ebene die alten Eliten in Weimar haben durchsetzen können und mit dem sogenannten Ebert-Gröner-Pakt die "Kompromisssituation" geschaffen wurde (politische Demokratisierung aber keine Entmachtung der alten Eliten des Kaiserreiches), die - neben Versailles - zur Zerstörung der Republik beitrugen.
Auch die Weimarer Kultur wird sehr einseitig betrachtet. "Die Weimarer Kultur war von Mord und Greueltat, Ausschweifung und Verbrechen geradezu besessen, zur Beunruhigung vieler Bürger." Dass in Weimar eine kulturelle Blüte entstand, die es zum Eldorado vieler Künstler machten (vgl. Jost Hermand/Frank Trommler: Die Kultur der Weimarer Republik), wird schlicht ausgeblendet.
Es gibt noch weitere unbegreifliche Fehler in diesem Buch. So scheiterte die Weimarer Koalition sowohl an der Intransingenz von DVP und SPD, die nicht bereit waren, den sogenannten "Brüning-Kompromiss" in der Frage der Arbeitslosenversicherung zu akzeptieren und nicht nur an einer Seite (hier der DVP, wenn diese auch sicherlich die treibende Kraft war). Die berühmte Kölner Unterredung von Januar 1933 zwischen Papen und Schröder, die "Geburtsstunde des Dritten Reiches" und Papens Rolle zur Machterschleichung Hitlers wird schlicht ignoriert.
Hier kommt noch etwas hinzu: eine kritische Analyse des Faschismus-Begriffes - seine Abgrenzung zum Nationalsozialismus - fehlt völlig. Nun muss man nicht Kühnls "Faschismustheorien" für der Wahrheit letzten Schluss in dieser Debatte halten und mag dessen Theorien kritisch gegenüberstehen. Dass es aber doch auffällig ist, dass überall in Europa gleichzeitig faschistische Bewegungen entstanden und gerade in rückständigen Ländern an die Macht kamen (vgl.: Wolfgang Wippermann: Europäischer Faschismus im Vergleich 1922-1982), darauf müsste doch ein Autor, der ein Standardwerk zum Dritten Reich auf dem neuesten Forschungsstand vorlegen möchte, eingehen. Die - lapidare - Äußerung aus dem Vorwort: "Neuere Historiker...haben erkannt, auf welche Schwierigkeiten es stößt, den italienischen Faschismus, den deutschen Nationalsozialismus und andere, ähnliche Bewegungen der äußersten Rechten in der Zwischenkriegszeit als SPiielarten eines einzelnen, allgemeien Phänomens des Faschismus aufzufassen, sobald man sich auf die soziale Basis oder auf die Weltanschauung dieser Bewegungen konzentriert" kann doch wohl nicht alles sein.
Dem Buch fehlt es außerdem vollkommen an einer chronologischen Struktur, welches gerade die Zielgruppe, den interessierten Leser, völlig verwirren dürfte. Heinrich August Winkler hat in seiner - hervorragenden - Rezension im "Spiegel" 12/2004 völlig zu recht von einem "Stolperweg" gesprochen.
Auch als Einführung hält das Buch - mit Ausnahme von interessanten Aspekten der Mentalitätsgeschichte, etwa der Analyse des Antisemitismus - nicht, was es verspricht. Als Standardwerk sollten weiterhin Bracher, Shirer, Frey und Herbst sowie Thamer: "Verführung und Gewalt" herangezogen werden. Es bleibt zu hoffen, dass die folgenden Bände dem wissenschaftlichen Anspruch, den der Autor in seinem Vorwort aufstellt, besser gerecht werden.
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