Dieses Buch kommt mir stellenweise vor wie eine Anzeige um Gewicht abzunehmen. Nur heisst hier die Verheissung:"Wie Sie in 7 Schritten ihr Schicksal ändern!"
Im Vorwort wird angekündet, dass es sich um ein Arbeitsbuch, das der Selbst- und Schicksalserkennung dient, handelt, und dessen Ziel die Selbsterkenntnis sei. Um dieses zu erreichen muss man sich mit zahlreichen Fragen befassen, schon der Zeugungsakt spielt eine wesentliche Rolle. Deshalb soll man sich bei den Eltern zur Zeugungssituation erkundigen und z.B herausfinden "Wie war der Akt als solcher? Lag die Priorität mehr auf seelischer Liebe, prickelnder Erotik oder Wollust?" Gemäss dem Autor können nämlich Herzrhythmusstörungen ihre Ursache darin haben, dass die betreffende Person nachts auf einer Waldlichtung nahe einer Grossstadt gezeugt wurde, und ihre Eltern während des Zeugungsaktes unter permanenter Spannung waren, da sie befürchteten beobachtet zu werden. Der Autor möchte mit diesem Beispiel zeigen, dass das Unbewusste bereits während des Zeugungsaktes geprägt wird. Ich frage mich woher kommt denn dieses Unbewusste, das durch die Umstände so geprägt werden kann, dass im späteren Leben Herzrhythmusstörungen auftreten? War es schon vor der Zeugung da? Interessanterweise erwähnt der Autor auch die Seele des Embryos, geht aber, wie schon bei der Herkunft des Unbewussten, nicht weiter darauf ein, woher denn diese Seele kommt und wie sie in den Embryo gelangt. Er vergleicht lediglich das Unbewusste mit einem Filmprojektor, der den Film auf die Leinwand wirft. An anderer Stelle ist das Unbewusste allerdings Regisseur dieses Films.
Ich habe die Fragen, mit denen man sich auseinandersetzen soll, nicht gezählt, aber es müssen hunderte sein. Fragen wie: "Wie war es mit der spirituellen Intelligenz meiner Eltern bestellt"(S.109), oder auch "Welches Verhältnis hatten Vater und Mutter zur Technik?"(S. 198). Was wenn ich meine Eltern gar nicht kenne, oder ein sog. Kuckuckskind bin? Dann kann ich all die Fragen, insbesondere über den Zeugungsakt, ja gar nicht beantworten. Hinzu kommen Gesetze und Mechanismen, die es zu beachten gilt. So begegnen wir dem Gesetz des Ausgleichs, das im Unbewussten verankert ist, dem Gesetz der Wiederkehr des Verdrängten, sowie Mechanismen zuhauf, wie dem Abwehr-, dem Anpassungs- und dem Wachstumsmechanismus. Mit der Auseinandersetzung mit all diesen Fragen, Gesetzen und Mechanismen soll es mir möglich sein zwischen meiner Prägung und meinem Schicksal eine Beziehung herzustellen. Gemäss Autor wird im Leben lediglich ein Film abgespult, dessen Drehbuch in frühester Kindheit geschrieben wurde und auf das man als Erwachsener kaum mehr Einfluss hat. Man ist also gar nicht verantwortlich, kann alles auf die Kindheit und die unfähigen Eltern abschieben. Es ist eines dieser Bücher, nach deren Lektüre man zum Schluss kommen muss, dass man es bei der Erziehung der Kinder eigentlich nur falsch machen kann, denn auch ein Wunschkind ist von den Wünschen der Eltern besetzt. Allerdings, heisst es auf Seite 250 plötzlich, dass, da ich jetzt meine Prägung kenne, begreife, dass meine Eltern und andere Bezugspersonen nicht schuld sind an meinem Schicksal. Mehrmals erwähnt der Autor, dass die Prägung unseres Unbewussten schon beim Zeugungsakt und später in der Kindheit entsteht und dass "das Unbewusste nach der Prägung das passende Schicksal wählt"(S. 130). Wie muss man sich das vorstellen? Was ist dieses Unbewusste, dass schon vor der Zeugung vorhanden sein muss, sonst könnte es ja nicht geprägt werden. Ist damit die Seele gemeint? Solche Fragen werden im Buch nicht behandelt. Es ist deshalb für mich unvollständig, nicht stimmig, es fehlt der entscheidende Punkt. Mir kommt es vor, als hätte der Autor Angst vor dem wirklichen Leben, das unvorhersehbar, sprunghaft und launisch ist. Er versucht dem zu entgehen, das Leben vorhersehbar zu machen, indem er das Schicksal zu überlisten sucht. Kann man aber das Schicksal überlisten, beeinflussen, in eine gewünschte Richtung dirigieren? Was fehlt ist das Eingeständnis, die Einsicht, dass ich der einzige Schuldige bin an meinem Schicksal, der einzig Verantwortliche. Ich kann meine Probleme nicht auf den Zeugungsakt oder eine schwierige Kindheit zurückführen. Ich muss erkennen, wer ich wirklich bin und mein Schicksal annehmen. Das ist aber nicht ganz so einfach. Meiner Ansicht nach wäre es zielführender ein bestehendes Problem (z.B. Redehemmung, Höhenangst etc.) als Ausgangspunkt zu wählen und auf der Zeitachse zurückzugehen, wie dies in der Regressions- oder Rückführungstherapie erfolgreich angewendet wird. Nicht jedes Problem muss beim Zeugungsakt oder in der Kindheit entstanden sein. Die Zeit der Schwangerschaft, sowie der Vorgang der Geburt können ebenfalls das spätere Leben prägen, aber auch Erlebnisse in früheren Leben, die bei der Rückführungstherapie ins Bewusste gefördert werden, wie bereits C.G. Jung ahnte, Zitat:"Ich könnte mir gut vorstellen, dass ich in früheren Jahrhunderten gelebt habe und dort an Fragen gestossen bin, die ich noch nicht beantworten konnte, so dass ich wiedergeboren werden musste, weil ich die mir gestellte Aufgabe nicht erfüllt hatte. Wenn ich sterbe, werden - so stelle ich es mir vor - meine Taten nachfolgen. Ich werde das mitbringen was ich getan habe.'" Über die Rückführungstherapie existieren im deutschsprachigen Raum zahlreiche Bücher, z.B. von Sigdell, Hardo oder Vallieres.
Die aufgeführten Beispiele sind zum Teil an den Haaren herbeigezogen und wirken auf mich sehr konstruiert. So wird der Reichtum John D. Rockefellers mit der Einhaltung des Versprechens, das dieser seiner strenggläubigen Mutter gab, sich immer an die Gesetze des Herrn zu halten, nicht zu trinken, zu fluchen, zu rauchen zu spielen und sich nicht auf Weibergeschichten einzulassen, erklärt. Oder die Geschichte vom Jungen, dessen Mutter ihre BHs immer in der Wohnung herumliegen liess, die zudem nach Schweiss rochen und Ekelgefühle hervorriefen, sodass der Knabe später nur eine kleinbusige Partnerin heiraten konnte, die keinen BH benötigte. Da ist das Beispiel mit dem kleinen Mädchen, das so gerne mit dem Vater im Bett kuschelt und eines Tages, als es 5-jährig ist, von der Mutter samt Bettzeug vor die Tür gesetzt wird. 35 Jahre später passiert ihr fast das Gleiche, als sie sich mit einem verheirateten Mann einlässt und die beiden von dessen Ehefrau ertappt werden. Leider geht der Autor nicht darauf ein, wie man solche Wiederholungen vermeiden kann. Er zeigt lediglich, dass sich die Urszene, diejenige des kleinen Mädchens, wiederholt, weil ihr Unbewusstes damals so geprägt wurde. Ich möchte aber wissen, woher kommt diese Prägung und wie kann ich eine Wiederholung vermeiden. Widersprüchlich ist das Beispiel von der Person, deren ästhetisches Empfinden bereits als Kind stark ausgebildet war und das unter den Rahmenbedingungen im Elternhaus, wo kein Wert auf Schönheit gelegt wurde, litt. Wo wurde denn das ästhetische Empfinden des Kindes geprägt? Gemäss der Theorie dieses Buches müsste es das von den Eltern haben, aber die legen ja keinen Wert auf Schönheit. Woher also dieses ästhetische Empfinden.
Um zur Erkenntnis "Es gibt so vieles, was man im eigenen Leben verbessern könnte - die Fitness, die Rhetorik, die Sexualität (...), die Partnerschaft, die berufliche Situation" (S.262) zu gelangen, ist die Lektüre dieses Buches, glaube ich, nicht unbedingt erforderlich.