Das Faszinierende an diesem Roman ist seine Vielschichtigkeit, thematisch als auch in der Art der Darstellung. Fange ich mit der Darstellung an. War in Sansals letztem Roman "Harraga" schon ein leiser Humor zu erkennen, greift er nun im "Dorf des Deutschen" an zahlreichen Stellen zu einem tiefschwarzen Humor. Gleichberechtigt daneben eine melancholische Posie. Zum Inhalt: Zwei Brüder werden urplötzlich damit konfrontiert, dass ihr Vater ein großer NS-Verbrecher war. Sie gehen unterschiedlich damit um, beide stellen sich jedoch die gleichen Fragen, wie die nach der Verantwortung der Nachgeborenen für die Verbrechen der Eltern. Der Ältere sucht die Stätten der Vernichtung auf und zerbricht daran. Der Jüngere hängt in der Pariser Vorstadt rum, hat keine Bildung und vor allem bis dahin keine Ahnung vom Holocaust. Wie auch, die Indoktrination der Islamisten, die Tabuisierung der Shoah in weiten Teilen der arabischen Welt hat bei ihm funktioniert. Nun aber muss er sich auseinandersetzen, und er entdeckt eine gewisse Universalität der Barbarei, wie ich es nennen würde. Sansal beschreibt die Situation derjenigen, die die Offiziellen als "Menschen mit Migrationshintergrund" bezeichnen mit aller Schärfe, mit all dem Biss, wie es Hamid Skif tut oder wie es in der deutschen Literatur jüngst im "Falschen Inder" geschehen ist. Die literarische Auseinandersetzung mit dem Holocaust gelingt Sansal auf beeindruckende Weise, und man erkennt, dass Literatur, dass Fiktion eben doch in der Lage ist, historische Traumata zu beschreiben. Hier erinnert Sansal an Primo Levi, an Imre Kertesz, in seinem schwarzen Humor an Edgar Hilsenrath. Dieses Buch ist breit zu empfehlen, aus inhaltlichen Gründen, aus literarischen Gründen, aus humanistischen Gründen!