Dr. Carringtons (Robert Cornthwaite) Worte tragen nicht einmal den Anschein von Klugheit, denn ohne etwas, das lebt, kann es auch nichts geben, das weiß. Freilich meint der Wissenschaftler seine Aussage etwas anders, nämlich so, daß die Möglichkeit, Wissen zu erwerben, durchaus das Opfer des einen oder anderen Menschenlebens rechtfertigen könne - und auch dies ist eine überaus verwerfliche Einstellung, wenn nämlich der Wissenschaftler andere Menschen als sich selbst opfert. Oder wenn das von ihm erschlossene Wissen in letzter Konsequenz dazu beiträgt, Waffen und andere Technologien zu erschaffen, die Leben vernichten.
Der Doktor Carrington in Christian Nybys Science-Fiction-Klassiker "The Thing from Another World" (1951) ist indes so fanatisch, daß er auch selbst in den Tod zu gehen bereit ist, nur damit dem außerirdischen Wesen, dessen Raumschiff nahe einer Forschungsstation in der Arktis gestrandet ist, nichts geschieht. Allerdings gestaltet sich das Zusammenleben zwischen den versehentlich aus einem Eisblock aufgetauten Ding (gespielt von James Arness, den die meisten von uns wohl am liebsten als Gesetzeshüter Matt Dillon gesehen haben) recht spannungsreich, denn der Außerirdische ist eine hochentwickelte pflanzliche Lebensform - trotz seines menschenähnlichen Aussehens -, die uns etwa die gleichen Eß-ich's-oder-eß-ich's-nicht-Skrupel entgegenbringt wie wir einer Tomate. Nun ist es an Captain Hendry (Kenneth Tobey) von der US Air Force, zusammen mit seinen Männern dafür zu sorgen, daß das "Ding" nicht nach und nach alle Anwesenden auf der Forschungsstation auf seinen Diätplan setzt.
"The Thing from Another World" hat seinerzeit sicherlich Filmgeschichte geschrieben und ein ganzes Genre beeinflußt, wenngleich es heute ein wenig vom Zahn der Zeit angenagt sein dürfte. Nichtsdestotrotz hat dieser Film für mich nur wenig von seinem Zauber verloren, was zum einen an der ihm inhärenten Spannung, zum anderen aber auch an der bedrohlich-düsteren Filmmusik von Dimitri Tiomkin liegt, die durchgängig auf hohem Niveau ist, aber besonders in einer Szene Gänsehaut heraufbeschwört, nämlich dann, wenn die Männer den Umriß des im Eis begrabenen Flugobjekts mit ihren Positionen nachbilden und erkennen, daß es sich um eine fliegende Untertasse handelt.
Richtig gruselig ist der Film eigentlich nicht, dafür aber spannend und auch nicht ohne ironische und kritische Seitenhiebe, wenngleich alles in allem der Einfluß des Kalten Krieges nicht ganz von der Hand zu weisen ist - etwa in dem den Abschluß des Filmes bildenden Ausruf "Watch the skies!", der natürlich weniger irgendwelchen Außerirdischen als vielmehr den Russen gilt, die - zu Beginn des Filmes wird's vermeldet - wie die Fliegen den Nordpol umschwirren. Ironisch wird "The Thing" vor allem dann, wenn es um das Militär und seinen Regelwahn geht. So hatte Produzent Howard Hawks im Vorfeld die US Air Force um Unterstützung bei den Dreharbeiten gebeten, jedoch einen Korb bekommen, da man in höheren Kreisen zu denken schien, eine Kooperation des Militärs bei einem solchen Film würde schlecht mit der offiziell vertretenen Meinung, daß es nämlich gar keine UFOs gebe, vereinbar sein. Hawks scheint sich für die ihm gezeigte kalte Schulter revanchieren zu wollen, indem er einen der Offiziere eine mit ellenlanger Referenznummer versehene Vorschrift vorlesen läßt - die Referenznummer gleich zweimal -, die besagt, daß UFOs in der Welt, so wie die Air Force sie wahrnimmt, nicht existieren. Ein anderer Offizier gratuliert daraufhin Captain Hendry, dessen Bergungsversuch das Flugobjekt zerstört hat, dazu, dieser Vorschrift nun wieder zur Durchsetzung verholfen zu haben. Trotz dieser augenzwinkernden Bosheiten wird das Militär insgesamt allerdings als positiv dargestellt, vor allem wenn es am Ende heißt, eine Handvoll amerikanischer Soldaten habe die Welt vor einem großen Unheil gerettet.
Kritischer hingegen werden die Töne, die der Film für die Wissenschaft findet, wird doch der leitende Kopf der Forschungsstation, Carrington, als ein verblendeter Va-banque-Spieler dargestellt, der sogar die Blutkonserven, die für Notfälle gedacht sind, opfert, um eigens aus den Ablegern des "Dinges" weitere Monsterpflanzen heranzuzüchten. Auch der Tod eines seiner Kollegen durch die Hand des Außerirdischen scheint ihn nicht zu rühren, und es wird klar, daß Hendry all seinen Erfindungsreichtum und Durchsetzungskraft aufwenden muß, um die anderen Wissenschaftler auf seine Seite zu ziehen. Nein, die Wissenschaft kommt insgesamt nicht zu gut weg in diesem Film, in dem der Hinweis eines Gelehrten, man habe immerhin gelernt, Atome zu zertrümmern, von einem Journalisten mit der sarkastischen Beobachtung abgetan wird, daß dies die Welt auch sehr glücklich gemacht habe.
In Anbetracht der Tatsache, daß das Militär stets einer der größten Nutznießer der Wissenschaft war und sicher auch bleiben wird, kann sich diese Darstellung - allein aufgrund der recht positiven Zeichnung der Air Force - sicher nicht ganz dem Vorwurf der Heuchelei oder zumindest Schönfärberei entziehen. Vielleicht liegt aber auch hierin ein Schlüssel für die Anziehungskraft des Filmes, fand er doch in Zeiten des Kalten Krieges einerseits einen Verantwortlichen für das Unbehagen, das viele Menschen an der Moderne empfanden, und gelang es ihm andererseits, das Bild des Militärs - aus begreiflichen Gründen - nicht allzu sehr zu trüben.
Wie dem auch sein mag, "The Thing" ist ein ungemein atmosphärischer Film - für den Nostalgiker, während die 3D-Generation wohl nur müde gähnen wird. Soll sie doch, denn damit könnte sie mir mein Wiedersehen mit diesem Film nicht annährungsweise vermiesen.
Übrigens gehen die Zeugnisse darüber auseinander, inwieweit Howard Hawks als Produzent auch in die Regiearbeit an diesem Science-Fiction-Klassiker involviert gewesen sein mag.
Die vorliegende DVD-Ausgabe verfügt zwar über keine nennenswerten Extras - ein Audiokommentar aus Expertenmund wäre bei diesem Film sicher interessant gewesen -, doch gibt es sowohl die englische als auch die deutsche Sprache. Erstere ist sicher vorzuziehen, auch wenn es keine englischen, sondern nur deutsche Untertitel gibt, denn zuweilen geht die deutsche Synchro recht eigenmächtig zu Werke. So wird aus dem Satz "It's the biggest story since the parting of the Red Sea" doch tatsächlich "Das ist die größte Geschichte seit der Schlacht am Teutoburger Wald."