Das Diapendel, von Christian Bedor
Das Buch beginnt mit dem Wunsch des Thomas Lehr zu schreiben und sich zu erinnern. Es ist der Todestag des Vaters. Thomas Lehr versucht eine Annäherung an das Gestern. Der Leser ahnt, dass es kein leichtes Unterfangen sein wird, denn mit Thomas Lehr geht der Autor behutsam, manchmal etwas ängstlich, dann wieder vorpreschend auf ein Thema zu, für das es stets keine 'richtigen' Worte gibt. Einem Roman könnte das gelingen, nein, einem ausdrucksstarken Gedicht oder einfach nur einem ausgestoßenem Schrei? Hier geht es dem Autor Christian Bedor um die Suche nach der Form, wie er sich dem Thema Gewalt und Alkoholismus auf seine Weise annähern kann.
Lehr sammelt beim Aufsuchen seines Dorfes, dass nach seinen Worten die 'Stammfamilie' in seinem Alter von 12 Jahren verlassen musste, mit einem Diktiergerät, dem gesprochenen Wort und mit dem Dia, innere Bilder. Er spricht Erinnertes, Gefühltes und Gegenwärtiges aufs Band.
Der Sohn eines katholischen Hauptschullehrers hat erlebt, wie der Vater die Mutter mit dem Brotmesser bedrohte. In ihm steckt die Vorstellung, dass die Mutter hätte tot sein können, wenn alles anders verlaufen wäre. Der Autor beschreibt nebenbei den Lloyd, den Constructa-Waschvollautomaten auf Pump der Nachkriegswirtschaftswunderzeit, die den Status mancher Familie zeichneten. Lehr fotografiert die Kirche, die Schule. Anhand von Gebäuden, damaligen Zeitgenossen, Mitschülern entstehen Mosaike. Von ihrer Aussagekraft wird Lehrs Phantasie beflügelt. Gefühle steigen auf, aus unbekannter Tiefe. Das Erzählen läuft im Grunde auf ein Bergen von verschütteten Emotionen hinaus. Eine klassische Erzählstruktur ist hier aufgehoben. Die erinnerten Erlebnisse und Dinge hängen gefühlsmäßig oft wirr miteinander zusammen, genauso wirr, wie das Leben selbst sein kann. Lehr hat sich in die 'Erinnerungsfalle' begeben, aus der er sich 'Linderung' erhofft. Oft birgt er zunächst Trostloses: Folterszenen von Mitschülern an ihm, Blindgänger aus dem Krieg, Bombenfunde. Die tragische Geschichte der Stiefschwester, Lehrs Bruder, der in jungen Jahren eine traurige Krankheitsgeschichte erlebte, seine Schwester Marlene, die bei der Lehre und Berufswahl schwierige Hürden nehmen musste und letztlich wieder bei den Eltern landete. Und Lehr selbst. Alle sind Leidende unter dem Zwang dörflich/kleinstädtischer Strukturen, einer lehrerhaften Autorität des Vaters, gepaart mit der Ohnmacht durch Alkohol und einem darüber liegendem Katholizismus. Der Alkohol betäubt hier alles, was weit und breit ist und richtet bei den umgebenden Menschen unumkehrbare Schäden an. Entschuldigt die Alkoholsucht das Verprügeln der vier Kinder durch den Vater? Nein. Aber ein 'vorgesetzter Vater', ein untaugliches 'Vorbild', das schwach und übergriffig ist, prägt sich in die Kindesseele ein und lässt sie sich manchmal schuldig fühlen.
Das Buch beklagt ein Defizit an Bindungsfähigkeit. Filigran entstandene Beziehungen sind selten tragfähig, was Auswirkungen auf mögliche zukünftige hat ' durch den subtilen Einfluss von Alkohol und destruktiver Autorität. Lehr versucht, Mosaiksteine, Dias (im Kopf) und Erinnerungen im Diktiergerät, zusammenzusetzen und zu einem ganzen Bild zu formen. Heil werden soll Lehrs Leben durch seine Erinnerungsreise. Im Jetzt versucht er vor Ort die Atmosphäre zu spüren, die vielleicht mit seiner Vergangenheit korrespondiert. Daraus erhofft er sich eine Lösung, die ihm zum Schluss, nach seiner Aussage, gelingt. Etwas Neues entsteht.
'Was suche ich überhaupt hier? Meinen emotionalen Vater!', sagt Lehr. Wer ist das? fragt sich der Leser in einem nicht immer leichten Buch, das ich empfehle.